Der Pfarrer von Ars

Ein Besuch in Ars-sur-Formans bleibt unvergessen. Nicht, daß der kleine Ort im Norden von Lyon so besonders schön wäre oder etwa große Kunstschätze beherbergen würde; nein, hier ist es etwas anderes, das den Besucher gefangennimmt. Es ist die Erinnerung an einen Mann, der mit seinem Leben zum Vorbild für die Pfarrer der ganzen Welt wurde, die Erinnerung an Johannes Maria Vianney, genannt der “Pfarrer von Ars”. In Ars-sur-Formans, das man nach Möglichkeit ausserhalb der Reisezeit und nicht an einem Wochenende besuchen sollte, gibt es kaum etwas, das nicht mit dem berühmtesten Einwohner des Ortes zu tun hat, dessen Lebensgeschichte hier zuerst einmal erzählt sei.

Als Sohn gottesfürchtiger Bauersleute kam Johannes Maria Vianney am 8. Mai 1786 in Dardilly unweit von Lyon zur Welt. Seine Jugend fiel in die unruhige Zeit der Französischen Revolution, während die unruhige Zeit der Französischen Revolution, während der die katholischen Christen unter Verfolgung standen. In aller Heimlichkeit erhielt Johannes Religions-unterricht und empfing die Erste Heilige Kommunion.

Immer schon wollte Johannes Priester werden. Als er mit 19 Jahren die dafür notwendige lateinische Sprache zu erlernen versuchte, scheiterten diese Versuche an seiner Unfähigkeit, Vokabeln zu behalten. Das Priester-seminar musste er wieder verlassen, da er den Anforderungen nicht gewachsen war. Der Pfarrer des kleinen Ortes Ecully aber hatte längst erkannt, dass Johannes Maria Vianney zum Pfarrer berufen war und nahm sich seiner noch einmal an. Im Jahr 1815 schließlich empfing der knapp 30-jährige in Grenoble dann doch die Priesterweihe, obwohl er den geistigen Anforderungen bei weitem nicht entsprach.

Nachdem Johannes vier Jahre lang in Ecully die Stelle des Vikars bekleidet hatte, übertrug man ihm 1819 die völlig heruntergekommene Pfarrei von Ars-sur-Formans. Als der neue Pfarrer eintraf, herrschte in der Gemeinde religiöse Gleichgültigkeit. Hier nun offenbarte sich die eigentliche Größe des einfachen Priesters aus Dardilly. Leidenschaftlich und aufopfernd wirkte Vianney für die sittliche Erneuerung innerhalb seiner Pfarrei. Sein priesterlicher und persönlicher Kampf war hart, aber alle Mühen lohnten sich schließlich. Nach einigen Jahren war das Dorf Ars völlig umgewandelt. Durch unerschöpfliche Geduld, immerwährende Güte und nicht zuletzt durch seine übernatürlichen Gnadenbegabungen - er besaß die Gabe der Krankenheilung und der Prophezeiung - war Johannes Maria Vianney ein Wunder gelungen. Aus einem kirchlichen Wrack hatte er in mühevoller Seelsorgearbeit ein strahlendes Schiff Gottes gemacht.

Bald setzten regelrechte Wallfahrten nach Ars ein, die Volksmassen strömten zu den einfachen Predigten Vianneys, von dem ein starkes Charisma ausging. Seine eigenen Bedürfnisse hatte der Pfarrer von Ars, wie er bald nur noch hieß, völlig in den Hintergrund gedrängt, er aß wenig und schlief kaum, so dass er Tag und Nacht tätig sein konnte, tagsüber auf der Kanzel, nachts im Beichtstuhl.

Der Diözesanbischof ernannte Johannes Maria Vianney zum Ehrendomherrn, die Regierung 1855 zum Ritter der Ehrenlegion. Zeitweise sah er sich allerdings auch schweren Anfeindungen durch neidische Pfarrer ausgesetzt, die ihm seinen Erfolg nicht gönnten.

Im Alter von 73 Jahren starb Abbe Vianney am 4. August 1859, ausgezehrt und erschöpft, in seiner Pfarrei. Kurz vor seinem Tod hatte er noch eine Mädchenschule und ein Waisenhaus gegründet, das allein durch Spenden unterhalten wurde.

Wer heute das Glück hat, ungestört von Menschenmassen durch die wenigen Straßen von Ars-sur-Formans wandern zu können, kann sich in der tiefen Ruhe, die dann hier herrscht, gut zurückversetzen in die Zeit vor eineinhalb Jahrhunderten, als sich der unscheinbare Priester Vianney aus dem Nichts zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der katholischen Kirche emporschwang. In einem vergoldeten Bronzeschrein von Pierre Bossan ruhen heute die sterblichen Überreste Vianneys in der neuzeitlichen Basilika, die über der alten Pfarrkirche von Ars erbaut wurde. Im Kirchen-vorraum steht man noch in der Ur-Kirche, in der die einfache Kanzel von Johannes Maria Vianney und rechts vom Eingang der Beichtstuhl des Seelsorgers zu sehen sind. In der von der Kirche nur wenige Schritte entfernten, weißgetünchten Chapelle du Cœur steht ein Reliquiar mit dem Herzen des Pfarrers von Ars sowie die berühmte Statue des betenden Geistlichen, der am 31. Mai 1925 von Papst Pius XI. heiliggesprochen und 1929 zum Patron aller Pfarrer ernannt wurde.

Ergreifend ist auch ein Rundgang durch das armselige Pfarrhaus Vianneys, in dem alles noch so bewahrt wird, wie es zu Lebzeiten des Pfarrers aussah. Da stehen noch sein hohes Bett in seinem Schlafraum, irdenes Geschirr auf Tisch und Schränken in der Küche, in einer Kammer liegen noch die Bücher auf dem Schreibtisch. Ein paar Meter die Dorfstraße hinunter steht der Besucher plötzlich vor einer nüchternen, riesigen Krypta, die 1960 gebaut wurde, um die Pilgermassen aufzunehmen, die Jahr für Jahr in dieses kleine Dorf im mittleren Frankreich strömen, um dem Pfarrer von Ars ihre Verehrung zu erweisen. Bis zum heutigen Tag gilt Johannes Maria Vianney als Vorbild der Priester und Seelsorger in aller Welt.

Aus: Vera Schauber, Hanns Michael Schindler, Die Heiligen und Namenspatrone im Jahreslauf, Delphin Verlag, 1985