1. Enzyklika "Sacerdotii nostri primordia" unseres Heiligen Vaters Johannes XXIII., 1959

2. Schreiben von Papst Johannes Paul II. an alle Priester der Kirche zum Gründonnerstag 1986


3. Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres anlässlich
des 150. Jahrestages des "Dies natalis" von Johannes Maria Vianney, 2009





        Enzyklika "Sacerdotii nostri primordia"
     unseres Heiligen Vaters Johannes XXIII.
            anlässlich des 100. Jahrestages des Heimganges
des heiligen Pfarrer von Ars

Der Heilige Pfarrer von Ars, Vorbild der Priester

1.8.1959 (1)

 Entnommen bei: www.kathtube.com

Quelle: Sacerdotis Imago, Päpstliche Dokumente über das Priestertum von Pius X. bis Johannes XXIII., in deutscher Fassung herausgegeben von Anton Rohrbasser, Paulinusdruckerei Freiburg Schweiz 1962, S.209-251; Imprimatur Friburgi Helv., die 3 Februarii 1962 R. Pittet, v.g. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung. Die Rechtschreibung ist weitgehend der gegenwärtigen Form angeglichen.

Einleitung

1. Wiederholtes denkwürdiges Zusammentreffen

a) Eindruck der Seligsprechung des Pfarrers von Ars auf den Neupriester Angelo Roncalli

1
Die Frühzeit Unseres Priestertums weckt in Uns außer der Erinnerung an gnadenreiche Freudentage das Andenken an ein Ereignis, das Uns zutiefst ergriffen hat: die Feierlichkeiten vom 8. Januar 1905 in der majestätischen Peterskirche anlässlich der Seligsprechung des schlichten französischen Priesters Johannes Maria Vianney. Damals, nur wenige Monate nach der Priesterweihe, waren Wir hingerissen von dem großartigen Vorbild priesterlicher Tugenden, das Unser hochverehrter Vorgänger, der heilige Pius X., vormals Pfarrer von Salzano, mit inniger Freude allen Seelsorgern zur Nachahmung vor Augen stellte. Wenn Wir heute, nach so langer Zeit, daran zurückdenken, erfüllt Uns immer noch tiefe Dankbarkeit gegen Gott, der Uns durch diesen besonderen Gunsterweis gleich zu Beginn Unseres Priesterlebens mit einem so starken übernatürlichen Ansporn zur Tugend begnadet hat.

b) Seine erste Wallfahrt nach Ars
2
Mit Freuden erinnern Wir Uns auch, dass eben an jenem Tage der Seligsprechung Uns die Nachricht erreichte, Mgr. Jakob Maria Radini-Tedeschi sei zur Bischofswürde erhoben worden. Jener große Oberhirte, der Uns wenige Tage darauf in seine Dienste berief, war für Uns ein hochverehrter Lehrmeister und väterlicher Freund. In seiner Begleitung pilgerten Wir zu Beginn jenes Jahres 1905 zum erstenmal nach Ars, das durch seinen heiligen Pfarrer so berühmt geworden ist.

c) Seine Bischofsweihe im Jahre der Heiligsprechung
3
Wir erblicken ferner einen besonderen Ratschluss der göttlichen Vorsehung darin, dass Wir gerade im Jahre 1925 zum Bischof geweiht wurden, als Papst Pius XI. am 31.Mai dem schlichten Pfarrer von Ars durch die Heiligsprechung die Ehre der Altäre zuerkannte. In seiner Homilie schilderte damals der Papst „die schmächtige Gestalt des heiligen Johannes M. Vianney, dessen Haupt von langen weißen Haaren wie von einer leuchtenden Krone umgeben war; sein vom Fasten abgehärmtes Antlitz strahlte so sehr die Unschuld und Heiligkeit einer demütigen und gütigen Seele aus, dass unzählige Menschen beim ersten Anblick sich innerlich verwandelt fühlten“ (2). Kurz darauf, im Jahre seines fünfzigsten Priesterjubiläums, bestimmte derselbe Papst, um das geistliche Wohl aller Pfarrseelsorger der ganzen Welt zu fördern»(3), den heiligen Johannes Maria Vianney zu deren Patron im Himmel, nachdem schon früher der heilige Pius X. die Priester Frankreichs seiner Schutz anvertraut hatte.

d) Der 100. Todestag des Heiligen im 1. Pontifikatsjahr
4
Wir erachten es als zeitgemäß, ehrwürdige Brüder, dieser Amtshandlungen Unserer Vorgänger, an die sich so denkwürdige persönliche Erinnerungen knüpfen, durch dieses Rundschreiben gerade jetzt zu gedenken, da der hundertste Todestag des heiligen Pfarrers von Ars bevorsteht. Ganz gebrochen durch seine vierzigjährige, unermüdliche Arbeit im Dienst der Seelen, allgemein wie ein Heiliger verehrt, starb dieser Mann Gottes am (4). August 1859 eines seligen Todes.
5
Dank sei dem gütigen Gott gesagt, der schon zweimal bedeutsame Stunden Unseres Priesterlebens in den strahlenden Glanz dieses Heiligen gestellt hat und nun anlässlich dieses Jubiläums Uns die Gelegenheit gibt, zu Beginn Unseres Pontifikates eines so hervorragenden Seelsorgers feierlich zu gedenken. Ehrwürdige Brüder, ihr werdet wohl begreifen, dass Unsere Sorgen und Gedanken in diesem Rundschreiben vor allem Unseren geliebten Söhnen, den Priestern, gelten. Wir möchten sie alle insgesamt, besonders aber die Pfarrseelsorger inständig einladen, dem wunderbaren Beispiel dieses heiligen Mannes, der einst ihr Mitbruder im Priesterstande war und jetzt ihr Schutzpatron im Himmel ist, ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken.


2. Gegenstand des Rundschreibens: das katholische Priestertum

a) Verlautbarungen früherer Päpste

1. Unterschied zwischen Priesterstand und Ordensstand
6
Es gibt zwar schon mehrere Verlautbarungen der Päpste über die Erhabenheit der prie­ster­lichen Standespflichten samt zuverlässigen Weisungen zur würdigen Erfüllung derselben. Wir wollen hier nur die neueren erwähnen, welche die übrigen an Bedeutung übertreffen. Mit be­sonderem Nachdruck möchten Wir euch hinweisen auf das Apostolische Mahnwort Haerent animo des hl. Pius X.,4 das Uns als Neupriester ein mächtiger Ansporn war zur Vertiefung des geistlichen Lebens; ferner auf das bemerkenswerte Rundschreiben Ad catholici sacerdotii von Pius XI. (5) und schließlich auf die Apostolische Ermahnung Menti Nostrae (6) von Pius XII., so­wie die drei Ansprachen, in denen er aus Anlass der Heiligsprechung Pius' X. Sendung und Wesenszüge des Priesterstandes meisterhaft umschrieben hat (7). Diese Dokumente sind euch, ehrwürdige Brüder, ohne Zweifel bekannt. Gestattet jedoch, dass Wir aus der letzten Rede Unseres Vorgängers, die zu halten der Tod ihn verhinderte, einige ausgewählte Stellen anführen, die sozusagen den feierlichen, endgültigen Mahnruf dieses großen Papstes zu priesterlicher Voll­kommenheit enthalten: „Mit dem Weihecharakter besiegelt Gott den ewigen Liebesbund, durch den er seine Priester vor allen Menschen auszeichnet. Sie müssen daher diese be­vor­zu­gende Liebe Gottes durch ein heiligmäßiges Leben vergelten ... Der Kleriker ist als ein Mann zu be­trach­ten, der aus dem Volk ausgesondert, in einzigartiger Weise mit höheren Aufgaben betraut und einer göttlichen Macht teilhaftig ist; mit einem Wort: er ist ein zweiter Christus... Er darf nicht mehr für sich selber leben und ebenso wenig ist es ihm gestattet, seiner Familie, seinen Freunden, und seinem Vaterland allein zu gehören... Er muss von Liebe zu allen beseelt sein. Sogar sein Denken, Wollen und Fühlen gehört nicht mehr ihm selber, sondern Jesus Christus, der sein Leben ist.» (8)

b) Pastoraler Zweck dieses Hirtenschreibens
7
Auf dem steilen Pfad zu diesem Hochziel priesterlicher Lebensgestaltung geht der heilige Johannes Maria Vianney uns allen wegweisend und bahnbrechend voran. Uns ist es ein Herzensanliegen, mit diesem neuen Mahnwort vor allem die Priester von heute dazu aufzurufen. Wir kennen durchaus ihre Sorgen und Schwierigkeiten; Wir wissen, welche Hindernisse heute dem Wirken des Seelsorgers im Wege stehen. Wenn es Uns schmerzt, dass einige Priester sich im Taumel der Zeit dahintreiben lassen und vor Erschöpfung ermatten, so wissen Wir doch aus Erfahrung, dass die überwiegende Mehrzahl der anderen eine unerschütterliche Treue und einen beseelten Eifer an den Tag legen, die sie nicht selten zu den hochherzigsten Leistungen befä­hi­gen. An die einen wie an die anderen wandte sich Christus der Herr am Tag ihrer Priesterweihe mit den liebevollen Worten: „Ich nenne euch nicht mehr Diener, sondern Freunde.“ (9) Möge das vorliegende Rundschreiben dem gesamten Klerus zur Stärkung und Vertiefung dieser Freund­schaft mit Christus behilflich sein! Sie ist ja Hauptquell der Freude und des Erfolges im Wirken eines jeden Priesters.
8
Ehrwürdige Brüder, es ist nicht Unsere Absicht, die einzelnen Probleme des heutigen Priesterlebens zu behandeln. Gemäß dem Beispiel des heiligen Pius X. „werden Wir nichts sagen, was für alle außergewöhnlich oder für jemanden neu wäre, sondern lediglich Dinge, die ein jeder beherzigen muss“ (10). Betrachtet man nämlich die Wesenszüge dieses Heiligen im richtigen Licht, so regen sie ohne weiteres zu Überlegungen an, die jederzeit gültig, heute aber von besonderer Bedeutung sind. Daher erachten Wir es als dringliche Pflicht Unseres obersten Hirtenamtes, aus Anlass dieser Jahrhundertfeier inständig dazu aufzumuntern.
9
Die katholische Kirche hat diesen „ob seines Seeleneifers und seines beharrlichen Gebets- und Bußgeistes bewundernswerten“ (11) Priester zur Ehre der Altäre erhoben. Heute, hundert Jahre nach seinem Heimgang, empfiehlt sie ihn mit mütterlicher Freude dem gesamten Klerus zur Nachahmung, und zwar als ein leuchtendes Vorbild priesterlicher Aszese und Frömmigkeit, zumal der eucharistischen, wie auch des priesterlichen Seeleneifers.

I. Die priesterliche Aszese

A. Bedeutung des Bußgeistes im Priesterleben
10
Man kann nicht vom heiligen Johannes Maria Vianney sprechen, ohne unwillkürlich an einen Priester zu denken, der sich einzig aus Liebe zu Gott und zum Seelenheil seiner Mitmenschen ganz ungewöhnliche körperliche Abtötungen auferlegte. Er enthielt sich fast vollständig der Nahrung und des Schlafes, verrichtete die härtesten Bußwerke und übte vor allem eine heroische Selbstverleugnung. Gewiss, nicht alle Gläubigen sind zu einer solchen Lebensweise verpflichtet. Aber die Vorsehung Gottes sorgt dafür, dass es in der Kirche zu allen Zeiten Seelsorger gibt, die unter dem Antrieb des Heiligen Geistes ohne Zögern diesen Weg einschlagen. Ist doch ein solches Leben ein vorzügliches Mittel, um viele Menschen aus den Verstrickungen des Irrtums und der Sünde auf den Pfad der Wahrheit und des Heils zurückzuführen.
11
Der heilige Johannes M. Vianney, der „hart gegen sich selber und mild gegen andere“ (12) war, zeichnete sich in hohem Maße aus durch eine bewunderungswürdige Bereitschaft zur Ganzhingabe. Dadurch gemahnt er uns in äußerst willkommener und eindringlicher Weise an die erstrangige Bedeutung, die im standesgemäßen Vollkommenheitsstreben des Priesters dem Geist der Buße zukommt.

B. Die evangelischen Räte und die priesterliche Vollkommenheit:

1. Unterschied zwischen Priesterstand und Ordensstand
Um diese Lehre ins rechte Licht zu rücken und sie gegen gewisse falsche Bedenken in Schutz zu nehmen, hat Unser Vorgänger Pius XII. zwar die Behauptung widerlegt, wonach „der geistliche Stand als solcher und eben weil er im göttlichen Recht verankert ist, auf Grund seiner Natur oder wenigstens auf Grund eines gewissen Postulates dieser Natur von seinen Mitgliedern die Befolgung der evangelischen Räte verlange“ (13).

12
Abschließend entscheidet er mit vollem Recht: „Der Kleriker ist also nicht durch das göttliche Recht an die evangelischen Räte der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams gebunden.“ (14) Und doch wäre es ohne Zweifel eine Entstellung der wahren Meinung dieses Papstes, dem die Heiligung des Klerus so sehr am Herzen lag, und ein Widerspruch zur einhelligen Über­lieferung des kirchlichen Lehramtes zu diesem Punkt, wenn man daraus zu folgern wagte, dass die Weltgeistlichen weniger streng verpflichtet seien als die Ordensleute, ein vollkommenes Leben im Sinne des Evangeliums anzustreben. Die Sache verhält sich vielmehr ganz anders.

2. Der sicherste Weg zum Hochziel der Vollkommenheit
Zur würdigen Verwaltung der priesterlichen Ämter „ist eine größere innere Heiligkeit notwendig, als selbst der Ordensstand sie fordert“ (15). Wenn zwar die evangelischen Räte den Priestern nicht schon kraft des geistlichen Standes vorgeschrieben sind, um die Vollkommenheit ihres Lebenswandels zu gewährleisten, so sind sie dennoch für sie, wie auch für alle Gläubigen, der sicherste Weg zum ersehnten Hochziel christlicher Vollkommenheit. Übrigens gereicht es Uns zu großem Trost, dass viele edelgesinnte Priester heute dafür Verständnis zeigen und selbst als Weltgeistliche sich von kirchlich anerkannten Priestervereinen leiten lassen, um in ihrem Streben nach Vollkommenheit leichter und rascher Fortschritte zu machen.

3. Verpflichtung zur Nachfolge Christi
13
In der festen Überzeugung, dass „die hohe Würde des Priestertums ganz in der Nachfolge Christi besteht“ (16) sollen die Geistlichen der Mahnung des göttlichen Meisters willig Gehör schenken: „Wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (17) Man berichtet, „der heilige Pfarrer von Ars habe dieses Herrenwort oft eingehend betrachtet und sich vorgenommen, es zu seiner Lebensregel zu machen“ (18). Was er mutig begonnen, das hat er mit Gottes Gnade mannhaft und unentwegt vollendet. Durch sein Beispiel ist er heute noch ein sicherer Führer in den mannigfachen Tugendpflichten priesterlicher Aszese, unter denen seine Armut, seine Keuschheit und sein Gehorsam einen besonderen Glanz ausstrahlen.


C. Johannes Maria Vianney und die evangelischen Räte

1. Der Geist der Armut

a) Verzicht auf irdischen Besitz
14
Betrachtet zunächst die Armut des Pfarrers von Ars! In dieser Tugend war er ein gewissenhafter Jünger des heiligen Franz von Assisi und beobachtete als Mitglied des Dritten Ordens getreu dessen Regel. (19) Reich für die anderen, für sich selbst aber äußerst arm, übte er zeitlebens vorbehaltlose Entsagung gegenüber den unbeständigen und vergänglichen Gütern dieser Welt. Und da sein Herz frei war von diesen Fesseln, stand es den Notleidenden jeder Art weit offen, die von überall her in hellen Scharen zu ihm kamen, um Trost und Hilfe zu suchen.
„Mein Geheimnis, sagte er, ist sehr leicht zu verstehen. Es lässt sich in die wenigen Worte fassen: alles verschenken und nichts für sich behalten.“ (20

b) Vater und Bruder der Armen
15
Seine Anspruchslosigkeit ermöglichte es ihm, sich der Armen, besonders jener seiner Pfarrgemeinde, mit unermüdlicher, rührender Fürsorge anzunehmen. Er war äußerst leutselig im Umgang mit seinen Armen und umhegte sie „mit aufrichtiger Liebe herzlicher Güte, ja sogar mit Ehrerbietung.“ (21) Man dürfe, so warnte er, die Armen niemals verächtlich behandeln, da man mit deren Verachtung Gott selber treffe. Sooft Bettler bei ihm anklopften, nahm er sie liebenswürdig auf und freute sich herzlich, ihnen sagen zu können: „Ich bin so arm wie ihr; heute bin ich einer von euch.“ (22) Und gegen Ende seines Lebens hörte man ihn öfters sagen: „Ich bin sehr zufrieden, ich besitze nichts mehr. Der Herrgott kann mich rufen, wann er will.“ (23

c) Priesterliche Armut heute

            α) Sinn der Armut nach Pius XI.
16
Ihr werdet begreifen, ehrwürdige Brüder, wie sehr Uns die Mahnung am Herzen liegt, es möchten doch alle Unsere geliebten Söhne im Priestertum dieses Beispiel der Armut und der Nächstenliebe zum Gegenstand ihrer Betrachtung machen. „Die tägliche Erfahrung lehrt“ -und als er das schrieb, dachte Pius XI. namentlich an den heiligen Johannes M. Vianney -, „dass ein Priester, der im Geiste des Evangeliums wirklich arm und selbstlos lebt, inmitten des Volkes großen Segen stiftet.“ (24) Und im Hinblick auf die heutigen sozialen Verhältnisse richtete derselbe Papst, wie an jedermann, so auch an die Priester die schwerwiegende Mahnung: „Mitten in der Verderbnis der Welt, in der alles käuflich und verkäuflich ist, müssen sie frei von jeglicher Selbstsucht wandeln, in heiliger Verachtung für jede niedrige Gier nach irdischem Gewinn, auf der Suche nach Seelen und nicht nach Geld, nach Gottes Ehre und nicht nach ihrer eigenen.“ (25)

            β) Vorschrift des C. I. C., 246
17
Diese Worte muss jeder Priester seinem Herzen tief einprägen. Verfügt aber jemand von Rechts wegen über persönliches Eigentum, so hüte er sich vor habgieriger Anhänglichkeit. Er erinnere sich vielmehr an die Vorschrift des Codex Iuris Canonici über die kirchlichen Benefizien. Dadurch wird ihm die schwere Pflicht auferlegt, „die überflüssigen Einkünfte für die Armen oder zu guten Zwecken zu verwenden.“ (26) Gebe Gott, dass niemand sich jenen ernsten Tadel zuziehe, den einst der Pfarrer von Ars an seine Gemeinde richtete: „Wie viele haben Geld und hüten es geizig, während unzählige Notleidende vor Hunger sterben.“ (27)

            γ) Notlage vieler Priester heute
18
Wir wissen sehr wohl, dass heute viele Priester in großer Armut leben. Wenn sie aber bedenken, dass einer aus ihren Reihen heiliggesprochen wurde, weil er freiwillig auf alles verzichtete und nichts sehnlicher wünschte, als der ärmste Mann seiner Pfarrei zu sein, (28) dann wird ihnen dieses Vorbild gewiss ein heilsamer Antrieb sein zum Streben nach vollkommener Entsagung durch ernsthafte Pflege der evangelischen Armut. Und wenn Unsere väterliche Teil­nahme ihnen Trost bringen kann, so mögen sie wissen, wie sehr Wir Uns darüber freuen, dass sie ohne jeden Eigennutz Christus und der Kirche hochherzig dienen.

            δ) Anrecht auf den notwendigen Lebensunterhalt
19
Wenn Wir die hehre Tugend der Armut so sehr empfehlen und loben, soll das nicht etwa besagen, dass Wir die unwürdige materielle Notlage gutheißen, zu der die Priester in manchen Städten wie auch auf dem Lande bisweilen verurteilt sind. In seiner Auslegung der Worte des Herrn über den Verzicht auf irdische Güter sagt der heilige Beda Venerabilis, um einer falschen Deutung vorzubeugen: „Es ist nicht der Sinn dieses Gebotes, dass die Diener Gottes keine Ersparnisse anlegen dürfen, um sie für sich oder für die Armen zu verwenden. Lesen wir doch, dass der Herr selber ... zur Gründung seiner Kirche eine Kasse hatte... Es geht vielmehr darum, dass wir Gott nicht um des Geldes willen dienen oder aus Furcht vor Not die Gerechtigkeit verletzen.“(29)  Übrigens ist jeder Arbeiter seines Lohnes wert. (30) Deshalb machen Wir Uns die Sorge Unseres unmittelbaren Vorgängers zu eigen und richten an die Gläubigen die dringende Bitte, dem Aufruf ihrer Bischöfe bereitwillig nachzukommen, die sich löblicherweise bemühen, ihren geweihten Mitarbeitern den notwendigen Lebensunterhalt zu sichern (31).


2. Der Geist der Keuschheit

a) Selbstverleugnung durch Ganzhingabe
20
Johannes M. Vianney gab nicht nur durch seinen Verzicht auf irdisches Hab und Gut ein herrliches Beispiel, sondern auch durch die Abtötung seines Leibes. „Es gibt nur eine Möglichkeit, sagte er, sich durch Selbstverleugnung und Buße Gott so hinzugeben, wie es sich gebührt: nämlich die Ganzhingabe.“ (32) Das hat der heilige Pfarrer von Ars zeit seines Lebens bezüglich der Keuschheit mannhaft verwirklicht.

b) Besondere Bedeutung heute
21
Dieses erhabene Vorbild der Keuschheit ist offenbar für die Priester unserer Zeit von besonderer Bedeutung. Denn von Amts wegen müssen sie leider in manchen Gegenden inmitten einer Umgebung leben, die durch lockere Sitten und ausgelassene Sinnenlust geradezu verseucht ist. Allzu oft bewahrheitet sich an ihnen das Wort des heiligen Thomas von Aquin: „Wegen der äußeren Gefahren ist es recht schwierig, in der Seelsorge tugendhaft zu leben.“ (33)  Dazu kommt, dass sie sich oft vereinsamt fühlen und selbst bei den Gläubigen, um deren Seelenheil sie sich mühen, wenig Verständnis, wenig Unterstützung und Förderung finden.
22
An sie alle, insbesondere aber an jene, die am meisten unter Vereinsamung leiden und auch am schwersten gefährdet sind, richten Wir neuerdings durch dieses Schreiben die inständige Mahnung: Euer ganzes Leben sei gewissermaßen ein strahlender Spiegel der Keuschheit! Der heilige Pius X. nannte ja diese Tugend mit Recht „die auserlesene Zierde unseres Standes.“ (34) 

c) Aufgaben der Bischöfe
23
Euch obliegt es, ehrwürdige Brüder, keine Mühe zu scheuen und nach Kräften dafür zu sor­gen, dass eurem Klerus Lebens- und Arbeitsbedingungen geboten werden, die seinen Schaf­fenseifer möglichst begünstigen. Es gilt, mit allen Mitteln die Gefahren eines allzu einsamen Lebens zu bannen, unbedachtes und unkluges Verhalten durch rechtzeitige Ermahnungen zurecht zu weisen und schließlich die Verlockungen zu Müßiggang wie auch die übermäßige Beanspruchung durch äußere Betriebsamkeit in Schranken zu weisen. Hier ist es wohl angebracht, an die weisen Vorschriften zu erinnern, die Unser letzter Vorgänger im Rund­schreiben Sacra virginitas (35) erlassen hat.

d) der heilige Johannes M. Vianney als Vorbild
24
Engelgleiche Reinheit, so berichtet man, umstrahlte das Antlitz des Pfarrers von Ars. (36) In der Tat, auch heute noch wird jeder aufmerksame Betrachter dieser Priestergestalt tief beein­druckt von der heldenmütigen Entschlossenheit, mit der dieser wackere Gefolgsmann Christi seinen Leib in Zucht hielt, (37) aber auch von seiner hinreißenden Überzeugungskraft, die unabsehbare Scharen frommer Pilger mit geradezu überirdischer Zaubermacht in seinen Bann­kreis zog. Aus seiner langjährigen Beichtpraxis kannte er nur allzu gut die schlimmen Folgen der unreinen Lust. Deswegen brach er manchmal in den Seufzer aus: „Gäbe es nicht unschuldige Seelen, um den durch unsere Sünden beleidigten Gott zu versöhnen, was hätten wir dann an Strafen zu gewärtigen! Aber, so sehr er auch darauf beharrte, immer ermutigte er seine Zuhörer mit dem Zuspruch: „Die Bußwerke bringen so viel Wonne, so viel Seligkeit, dass man sie nie mehr lassen kann, wenn man einmal davon gekostet hat... Auf diesem Weg sind nur die ersten Schritte mühsam.“ (38

e) Ein Segen für die Mitmenschen
25
Solch ein aszetisches Leben zum Schutz der Keuschheit lässt das Herz des Priesters durch­aus nicht in unfruchtbarem Eigennutz verkümmern; es öffnet und weitet es vielmehr für die Be­dürfnisse der Mitmenschen. Diesbezüglich bemerkte der heilige Johannes M. Vianney sehr tref­fend: „Ein reines Herz kann nicht anders als lieben, denn es hat Gott gefunden, den Quellgrund und Ursprung der Liebe.“ (39)
26
Wie viele und wie große Wohltaten erweisen doch der i menschlichen Gesellschaft solche Männer, die frei von weltlichen Sorgen und einzig dem Dienste Gottes ergeben sind und ihr Leben, ihr Sinnen und ihre Kräfte für das Seelenheil ihrer Brüder einsetzen! Welch ein Segen für die Kirche ist ein Priester, der sich redlich bemüht, die Keuschheit unversehrt zu bewahren! Mit Unserem Vorgänger Pius XI. erachten Wir diese Tugend als die vornehmste Zierde des ka­tho­lischen Priestertums, da „sie den Wünschen und Absichten des heiligsten Herzens Jesu in bezug auf die Seelen der Priester besser zu entsprechen scheint.“ (40) Ist es nicht eben diese Absicht der göttlichen Liebe, die Johannes Maria Vianney meinte, als er den stolzen Satz schrieb: „Das Priestertum, das ist die Liebe des heiligsten Herzens Jesu.“ (41)


3. Der Geist des Gehorsams

a) Johannes M. Vianney bleibt Pfarrer aus Gehorsam
27
Für den tugendhaften Gehorsam, der diesen Heiligen auszeichnete, gibt es zahllose Zeug­nisse. Man kann wohl behaupten, dass die Ergebenheit seinen Oberhirten gegenüber, die er bei der Priesterweihe gelobt und unverbrüchlich bewahrt hat, ihm vierzig Jahre lang ein unun­ter­brochenes Willensopfer abforderte.
28
Tatsächlich hatte er zeit seines Lebens ein brennendes Verlangen nach einem zurück­ge­zo­genen Dasein in stiller Einsamkeit. Er glaubte, das Seelsorgeramt sei für seine Schultern eine übergroße Bürde, die er zu wiederholten Malen loszuwerden trachtete. Geradezu bewunderns­wert ist sein Gehorsam gegen den Bischof. Wir wollen hier einige Zeugen zum Wort kommen lassen. Der eine berichtet: „Schon vom fünfzehnten Lebensjahr an verlangte ihn sehnlichst nach einem Leben in der Einsamkeit. Da aber dieser Wunsch unerfüllt blieb, war ihm die Freude an allem vergällt, was ihm das Leben sonst hätte bieten können.“ (42) Doch „Gott ließ nicht zu - sagt ein anderer - dass sein Vorhaben in Erfüllung ging. So hat die Vorsehung ohne Zweifel dafür gesorgt, dass der heilige Johannes Maria Vianney seinen Willen dem Gehorsam opferte und seine persönlichen Wünsche den Amtspflichten unterordnete; und somit hatte er jederzeit Ge­le­genheit, sich durch Selbstverleugnung zu bewähren“ (43). Und ein dritter bezeugt: „Herr Vianney blieb Pfarrer von Ars einzig aus Gehorsam gegen seine Vorgesetzten, und er hat bis zum Tod auf diesem Posten ausgeharrt.“ (44

b) Seine übernatürlichen Beweggründe
29
Nun ist aber zu beachten, dass ein solch vollkommener Gehorsam gegenüber den Anord­nungen der Vorgesetzten ganz übernatürlich begründet war. Wenn er nämlich die kirchliche Obrig­keit anerkannte und sich ihr gerne fügte, so geschah es im Glauben an die Worte unseres Herrn Jesus Christus, der seinen Aposteln beteuert hat: „Wer euch hört, der hört mich.“ (45) Um nun seinen Vorgesetzten gewissenhaft ergeben zu sein, hatte er sich daran gewöhnt, seinem eigenen Willen zu entsagen, indem er die schwere Bürde der Beichtseelsorge auf sich nahm und bei seinen Mitbrüdern zu jeder Aushilfe bereit war, die dem Heil der Seelen dienen konnte.

c) Gefährdung durch den modernen Zeitgeist
30
Wir verweisen die Geistlichen auf das Vorbild dieses Gehorsams, in der zuversichtlichen Überzeugung, dass sie die Größe und den Glanz dieser Tugend besser erfassen und sie auch be­reitwilliger pflegen werden. Und wer es wagen sollte, die hohe Bedeutung dieser Tugend an­zuzweifeln, wie es heute bisweilen vorkommt, der möge sich durch Unseren Vorgänger Pius XII. eines Besseren belehren lassen und merke sich sein Urteil: „Ein heiligmäßiges Leben und ein er­sprießliches Priesterwirken wird gestützt und getragen von der festen Grundlage eines unver­brüchlichen Gehorsams gegen die Hierarchie.“ (46)
31
Ihr wisst übrigens, ehrwürdige Brüder, dass Unsere Vorgänger aus neuerer Zeit die Priester oft und ernsthaft gewarnt haben vor der großen Gefahr eines wachsenden Bedürfnisses des Kle­rus nach Unabhängigkeit, sei es gegenüber dem kirchlichen Lehramt, sei es bezüglich der Seel­sorgsmethoden wie auch hinsichtlich der kirchlichen Disziplin.

d) Voraussetzung: Liebe zur Kirche
32
Wir wollen nicht länger dabei verweilen. Nützlicher scheint Uns vielmehr die Mahnung an alle Söhne im Priestertum, sie möchten in ihrem Herzen die Liebe zur Kirche pflegen und vertiefen, um sich mit ihrer heiligen Mutter enger verbunden zu fühlen.
33
Man konnte vom heiligen Johannes M. Vianney sagen, er habe so innig mit der Kirche gelebt, dass er ausschließlich für sie arbeitete und sich für sie verzehrte, wie wenn Spreu in glühenden Kohlen verglimmt. Möge auch uns, die wir Priester Jesu Christi sind, die lodernde Glut des Hei­ligen Geistes erfassen und verzehren.
34
Alles, was wir sind und haben, verdanken wir der Kirche. Daher wollen wir nur in ihrem Namen und in ihrem Auftrag unser Tagewerk verrichten, um das Amt, mit dem sie uns betraut hat, pflicht­gemäß zu verwalten. Bemühen wir uns, wie es sich gebührt, in brüderlicher Eintracht möglichst vollkommene Diener der Kirche zu sein. (47)


II. Die priesterliche Frömmigkeit

1. Johannes M. Vianney, ein Mann des Gebetes

a) Die Quelle seines Erfolges
35
Wenn der heilige Johannes Maria Vianney, wie eben dargelegt, als strenger Büßer lebte, so war er auch davon überzeugt, dass „der Priester vor allem ein Mann des Gebetes sein muss.“ (48) Kaum war er Pfarrer eines Dorfes geworden, wo es schlimm stand um das christliche Leben, da verbrachte er bekanntlich Nacht für Nacht lange Anbetungsstunden vor Christus im Altars­sakrament. Der Tabernakel war offensichtlich der unversiegliche Quell jener übernatürlichen Kraft, die seine persönliche Frömmigkeit nährte und seinem seelsorglichen Wirken Erfolg verlieh. Man könnte daher das Dorf Ars zur Zeit des Heiligen zutreffend mit den Worten Unseres Vor­gängers Pius XII. über die christliche Pfarrei kennzeichnen: „Der Mittelpunkt ist die Kirche. Mit­tel­punkt der Kirche ist der Tabernakel, und zur Seite steht der Beichtstuhl, wo das christliche Volk das übernatürliche Leben oder die Gesundheit der Seele wiedererlangt.“ (49)

b) Ständige Vereinigung mit Gott
36
Das Beispiel unablässigen Gebetes von seiten eines Mannes, der ganz in der Seelsorge aufging, ist fürwahr höchst zeitgemäß und heilsam für die Priester unserer Tage, die bisweilen den Wert der äußeren Tätigkeit überschätzen und sich so sehr von einer geschäftigen Be­trieb­samkeit erfassen lassen, dass ihre Seele darob Schaden leidet.
37
„Was uns Priester hindert heilig zu werden - sagte der Pfarrer von Ars - das ist der Mangel an Innerlichkeit. Man sammelt sich nicht; man weiß nicht, was man tut. Sammlung, Betrachtung, Vereinigung mit Gott: das tut uns not.“ Die Zeugen seines Lebens bestätigen seinen beharrlichen Gebetseifer. Weder die erdrückende Last der Beichten, noch die übrigen Pflichten der Seelsorge vermochten ihn im geringsten davon abzubringen. „Trotz seiner übermäßigen Beanspruchung unterbrach er nie das Gespräch mit Gott.“ (50)

c) Glück und Segen des Gebetes
38
Doch, lassen wir ihn selber zum Wort kommen. Seine Beredsamkeit war unerschöpflich, wenn er vom Glück und vom Segen des Gebetes sprach: „Wir, sind Bettler, die alles von Gott erflehen müssen.“ (51) „Wie viele Menschen können wir durch unser Gebet zu Gott zurückführen!“ (52) Und immer wieder beteuerte er: „Das Gebet ist das höchste Glück des Menschen auf Erden.“ (53)
39
Fürwahr, er genoss dieses Glück in vollen Zügen, wenn er im Lichte des Glaubens die ewigen Wahrheiten betrachtete und wenn sich seine schlichte und reine Seele vom Geheimnis des menschgewordenen Gottessohnes bis zu den erhabenen Sphären der allerheiligsten Drei­fal­tig­keit liebentbrannt emporschwang. Und die Pilgerscharen, die ihn im Kirchlein von Ars um­dräng­ten, gaben sich wohl Rechenschaft, dass ihnen dieser demütige Priester etwas vom innersten Geheimnis seines Seelenlebens kundtat, wenn jeweils, wie es öfters geschah, die Glut seines Herzens im Ausruf aufloderte: „Von Gott geliebt sein, mit Gott vereint sein, im Angesicht Gottes wandeln, für Gott leben: O seliges Leben, O seliges Sterben !“ (54)


2. Das Gebet im Priesterleben heute

a) Voraussetzung: Glaubensgeist
40
Wir wünschen inständig, ehrwürdige Brüder, es möchten doch alle Priester, die eurer Obsorge anvertraut sind, durch das lebendige Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney zur festen Überzeugung geführt werden, dass sie sich um jeden Preis bemühen müssen, Männer des Gebetes zu sein, und dass dies tatsächlich möglich ist, obwohl sie zuweilen durch ihre Amts­pflichten sehr stark in Anspruch genommen sind.
41
Dazu müssen sie jedoch ihr Leben ganz nach den Richtlinien des Glaubens gestalten, von dem der heilige Pfarrer von Ars so tief durchdrungen war, dass er Erstaunliches vollbrachte. „Wie wunderbar, der Glaube dieses Priesters!“ rief einer seiner Mitbrüder aus. „Man könnte damit eine ganze Diözese bereichern.“ (55)

b) Die vorgeschriebenen Gebetsübungen
42
Nun aber ist diese dauernde Vereinigung mit Gott weitgehend bedingt durch die ver­schie­denen Übungen priesterlicher Frömmigkeit, von denen die wichtigsten durch kluge Verordnungen der Kirche vorgeschrieben sind. Dazu gehören namentlich die tägliche Betrachtung, der Besuch des allerheiligsten Altarssakramentes, das Rosenkranzgebet und die Gewissenserforschung. (56)  Das Breviergebet ist für die Priester sogar eine schwere Amtspflicht gegenüber der Kirche. (57)
43
Aus der Vernachlässigung der einen oder der anderen dieser vorgeschriebenen Übungen ist es vielleicht nicht selten zu erklären, dass gewisse Geistliche dem äußeren Betriebe zum Opfer fallen, allmählich innerlich verarmen und schließlich, leider Gottes, von den Verlockungen dieser Welt umgarnt, in schwere Gefahr geraten, weil ihnen jede geistliche Schutzwehr fehlt.

c) Erster Zweck: Selbstheiligung
Johannes Maria Vianney hingegen „vergaß ob der Sorge für das Seelenheil der Mitmenschen seine eigene Seele keineswegs. Er war sehr darauf bedacht, sich selber zu heiligen, um desto besser befähigt zu sein, auch die anderen zu diesem Ziel zu führen“ (58)

44
Sagen Wir es mit den Worten des heiligen Pius X.: „Halten wir am unerschütterlichen Grund­satz fest: um seiner hohen Würde und seiner Berufspflicht gerecht zu werden, muss der Priester das Gebetsleben mit außergewöhnlicher Hingabe pflegen ... Der Priester sollte viel eifriger als irgendjemand Christi Gebot befolgen: Man muss allzeit beten. Ein Gebot, das Paulus mit Nachdruck betont: Seid beharrlich im Gebete, seid wachsam im Geiste der Dankbarkeit; betet ohne Unterlaß!“ (59) Ferner schließen Wir Uns gern der Aufforderung Unseres unmittelbaren Vorgängers an, der zu Beginn seines Pontifikates den Priestern die Losung gab: „Betet! Betet immer mehr und mit wachsendem Eifer!“ (60)


3. Die eucharistische Frömmigkeit des Priesters

a) Der Pfarrer von Ars und das Altarssakrament
45
Die Frömmigkeit des heiligen Johannes Maria Vianney war besonders gekennzeichnet durch ihren eucharistischen Charakter. Man kann wohl sagen, dass er die letzten dreißig Jahre seines Lebens in der Kirche zugebracht hat, wo der gewaltige Zustrom der Beichtkinder ihn unablässig festhielt.
46
Seine Andacht zu Jesus Christus im allerheiligsten Altarssakrament war geradezu außer­ge­wöhnlich. „Er ist da - sagte er -, der uns so sehr liebt; warum sollten wir ihm seine Liebe nicht erwi­dern?“ (61) Fürwahr, er hat dem anbetungswürdigen Altarssakrament seine ganze Liebe ge­schenkt, und er fühlte sich mit unwiderstehlicher übernatürlicher Gewalt zum Tabernakel hingezogen.
47
Den Gläubigen empfahl er folgende Gebetsweise: „Man braucht nicht viele Worte zu machen, um gut zu beten. (62) Man weiß, dass der Herrgott da ist, im heiligen Tabernakel. Man öffnet ihm sein Herz, man ist glücklich in seiner Gegenwart. Das ist die beste Art zu beten.“ Er tat alles, um in den Herzen der Gläubigen die Ehrfurcht vor Christus im heiligen Sakrament und die Liebe zu ihm zu wecken sowie um sie zum Tische des Herrn zu führen. Er ging aber selber mit dem guten Beispiel voran. „Um sich davon zu überzeugen - so berichteten die Zeitgenossen -, genügte es, ihn bei der heiligen Messe zu beobachten oder auch nur, wenn er vor dem Tabernakel die Kniebeugung machte.“ (63)

b) Der Priester vor dem Allerheiligsten
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  „Das wunderbare Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney - so bezeugt Unser Vorgänger Pius XII. - behält auch heute noch seinen vollen Wert.“ (64) Denn die Gebetswachen vor dem Allerheiligsten verleihen dem Priester eine solche Würde und Tatkraft, dass er sie durch nichts anderes erwerben und in keiner Weise ersetzen kann. Wenn also der Priester seinem Herrn Jesus Christus Anbetung und Dank zollt oder für seine eigenen und fremde Sünden Abbitte leistet oder endlich die empfohlenen Anliegen fürbittend vor Gott trägt, dann wächst in seinem Herzen die Liebe zum göttlichen Erlöser, dem er Treue geschworen hat, sowie zu den Menschen, die seiner Hirtensorge anvertraut sind. Eine eucharistische Frömmigkeit, die von echter und opferbereiter Liebe beseelt ist, hat die segensreiche Wirkung, dass der Priester im geistlichen Leben Fortschritte macht und dass ihm für sein seelsorgerliches Wirken übernatürliche Kräfte zufließen, die den tüchtigen Werkleuten Christi nie fehlen dürfen.

c) Ein Beispiel für die Gläubigen
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Ferner ist nicht zu übersehen, dass es auch für die Gläubigen eine fördernde Wohltat bedeu­tet, Zeugen der vorbildlichen Frömmigkeit ihrer Priester zu sein. Treffend bemerkte einmal Unser Vorgänger Pius XII. in einer Ansprache an den Klerus von Rom: „Wollt ihr, dass eure Gläubigen andächtig und gern beten, dann müsst ihr ihnen in der Kirche das gute Beispiel geben und sie müssen euch selber beten sehen. Ein Priester, der in würdiger Haltung und tiefer Sammlung ins Gebet versunken vor dem Tabernakel kniet, ist für das Volk ein erbauliches Vorbild, das zur Nachahmung aneifert.“ (65) Mit diesem Rüstzeug trat der junge Pfarrer von Ars an seine apostolische Aufgabe heran. Kein Zweifel, dass es jederzeit und überall seinen Wert behält.


4. Das heilige Messopfer im Priesterleben

a) Hochform des eucharistischen Gebetes
50
Wir wollen jedoch nie vergessen, dass das eucharistische Gebet im heiligen Messopfer seinen vollkommenen Ausdruck findet und seine höchste Vollendung erreicht. Dieser Punkt, ehrwürdige Brüder, ist Unseres Erachtens eingehend zu erwägen, handelt es sich doch um ein unentbehrli­ches Herzstück des priesterlichen Lebens.
51
Wir haben zwar nicht die Absicht, an dieser Stelle die überlieferte Lehre der Kirche über das Priestertum und das eucharistische Opfer ausführlich darzulegen. Unsere Vorgänger Pius XI. und Pius XII. haben diesen Gegenstand in bedeutsamen Verlautbarungen meisterhaft behandelt. Lasst es euch nur angelegen sein, ehrwürdige Brüder, die Priester wie die Gläubigen eurer Bis­tümer mit dieser Lehre gründlich vertraut zu machen. So können nämlich die unzulänglichen Kenntnisse gewisser Kreise behoben und die gewagten Behauptungen, die in strittigen Fragen zuweilen darüber geäußert wurden, richtiggestellt werden.

b) Quelle der priesterlichen Heiligkeit
52
Aber auch diesbezüglich halten Wir es für sehr heilsam, in diesem Rundschreiben zu zeigen, mit welcher heroischen Gewissenhaftigkeit der heilige Pfarrer von Ars seine Priesterpflichten erfüllt hat und warum er es hauptsächlich verdient, das leuchtende Tugendvorbild der Seelsorger und ihr Schutzpatron im Himmel zu sein. Wenn es durchaus stimmt, dass der Priester die heiligen Weihen empfängt, um dem Altar zu dienen, und dass er sein Amt antritt mit der Darbringung des eucharistischen Opfers, so entspricht es auch der Wahrheit, dass das Messopfer für den Priester zeitlebens der tiefste Quellgrund seiner persönlichen Vollkommenheit wie auch seines seel­sorglichen Wirkens bleibt. All das trifft für den heiligen Johannes Vianney in hohem Maße zu.

c) Ziel: die christliche Opfergemeinschaft
53
Besteht nicht, gesamthaft gesehen, das höchste Ziel aller priesterlichen Tätigkeit darin, im ganzen Bereich der Kirche ein Volk um den Altar Gottes zu scharen, das im Glauben einig, aus der Taufe wiedergeboren und von Sündenschuld frei ist? Dann vollzieht der Priester, kraft seiner Weihevollmacht, das göttliche Opfer, und es ereignet sich die Erneuerung des einmaligen Kreu­zesopfers, das Jesus Christus zur Erlösung der Menschheit und zur Verherrlichung seines himm­lischen Vaters auf Kalvaria vollbracht hat. Dann trägt die christliche Gemeinde durch Vermittlung des Priesters das göttliche Opferlamm vor den Allerhöchsten und bringt sich selber dar als „lebendige, heilige und Gott wohlgefällige Opfergabe.“ (66) Dort wird das Volk Gottes im Glauben und in den Geboten unterwiesen, sowie mit dem Leibe Christi genährt; so empfängt und vermehrt es das übernatürliche Leben und wird nötigenfalls zur Einigkeit gestärkt. Dort wird schließlich in allen Zonen und Zeiten der Welt der mystische Leib Christi, der die Kirche ist, in der Kraft des Geistes auferbaut.
54 Nun aber hat der heilige Johannes Maria Vianney im Lauf der Jahre seine Tage immer mehr zwischen Kanzel und Beichtstuhl verbracht und in der Ausübung seiner Seelsorge den Altar Gottes ständig im Auge behalten. Mit vollem Recht kann man daher sein Leben als ein her­vor­ragend priesterliches und seelsorgerliches Dasein bezeichnen.
55
Gewiss, zur Kirche von Ars eilten die Sünder in Scharen und aus eigenem Antrieb, angezogen durch den Ruf des heiligmäßigen Pfarrers, während viele Priester ihr Pfarrvolk nur unter großen Anstrengungen zu sammeln vermögen, um nach Art der Missionare lediglich die Anfangsgründe der christlichen Lehre zu vermitteln. Diese unumgänglichen und bisweilen harten Mühsale der Seelsorge dürfen jedoch die Priester nicht hindern, der hochbedeutsamen Aufgabe eingedenk zu sein, auf die sie stets ihr Augenmerk richten müssen und die Johannes Vianney erfüllte, indem er sich in seiner ärmlichen Dorfkirche den Hauptpflichten der Seelsorge restlos hingab.

d) Die richtige Opfergesinnung
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Eines aber ist vor allem zu beachten: was immer der Priester erwägt, beabsichtigt und tut, um heilig zu werden, muss sein Vorbild und seine Gnadenquelle im eucharistischen Opfer haben, das er darbringt, gemäß der Aufforderung des Römischen Pontifikale: „Erkennet, was ihr tut; ahmt nach, was ihr vollzieht!“
57
Dazu gestatten Wir Uns die treffenden Worte Unseres unmittelbaren Vorgängers aus der Adhortatio Menti Nostrae anzuführen: „Wie das ganze Leben unseres Erlösers auf sein Opfer hingeordnet war, so soll auch das Leben des Priesters, der das Bild Christi in sich nachgestalten muss, mit ihm, in ihm, und durch ihn ein wohlgefälliges Opfer werden ... Darum soll er das eucharistische Opfer nicht nur feiern, sondern auch tief innerlich miterleben; denn nur so kann er jener übernatürlichen Kraft teilhaftig werden, durch die er verwandelt wird und am Sühneleben des göttlichen Erlösers selber teilnehmen kann.“ (67)  Und ferner: „Der Priester muss sich also bemühen, alles, was auf dem Altar geschieht, im Geiste mitzuvollziehen. Denn wie Jesus Chris­tus sich selber opfert, so muss der Priester sich mit ihm gemeinsam opfern; und wie Jesus die Sünden der Menschen büßt, so soll auch der Priester auf dem erhabenen Weg der christlichen Aszese zur Läuterung seiner selbst und des Nächsten gelangen.“ (68)

e) Messopfer und Lebensopfer des Priesters
58
Diese erhabene Lehre hat die Kirche vor Augen, wenn sie gleich einer Mutter ihre geweihten Diener inständig einlädt, ein aszetisches Leben zu führen und das eucharistische Opfer mit gläubiger Ehrfurcht zu feiern. Wenn gewisse Priester der ersten Liebe ihres Weihetages allmäh­lich untreu werden, ist es dann nicht dem Umstand zuzuschreiben, dass sie nie ganz im klaren waren über die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem persönlichen Lebensopfer und dem Messopfer? Diese Erfahrung hat der heilige Johannes Vianney in die Worte gefasst: « Wenn ein Priester in seinem Lebenswandel nachlässig wird, so liegt es daran, dass er bei der Messe nicht andächtig ist.“ Und da dieser tugendhafte Mann die Gepflogenheit hatte, „sich als Sühnopfer für die Sünder anzubieten“ (69), vergoss er jeweils Tränen, „wenn er an die unglücklichen Priester dachte, die ihrem heiligen Berufe nicht genügen.“ (70)
59
Väterlich ermahnen und bitten Wir also Unsere geliebten Priester, sich regelmäßig darüber zu erforschen, wie sie das heilige Messopfer feiern“ (71)  in welcher Gesinnung und seelischen Verfassung sie an den Altar treten und welche Gnaden sie dabei zu erlangen trachten. Mögen sie dazu angespornt werden durch die Zentenarfeier zu Ehren dieses vorbildlichen und bewun­de­rungswürdigen Priesters, der „aus dem trostvollen Glück, die heilige Messe zu feiern“ die freudige Bereitschaft zur Selbsthingabe schöpfte. Wir hegen das feste Vertrauen, dass seine Fürbitte ihnen Licht und Kraft in reichem Maß erwirken wird.

 
III. Der priesterliche Seeleneifer

A. Die Seelsorge: Frucht der Selbstheiligung

1. Das oberste Gesetz jeder apostolischen Tätigkeit
60
Das Idealbild priesterlicher Aszese und Frömmigkeit, das Wir, ehrwürdige Brüder, auf den obi­gen Seiten entworfen haben, ist auch ein untrüglicher Hinweis auf die Quelle des priesterlichen Seeleneifers, der dem Wirken dieses heiligen Pfarrers so wunderbare übernatürliche Erfolge eintrug. Wohlweislich bemerkt dazu Unser Vorgänger Pius XII. in seinem Mahnwort an den Klerus: „Der Priester muss bedenken, dass das überaus wichtige, ihm anvertraute Seelsorgeramt um so reichere Früchte zeitigen wird, je inniger er selber mit Christus verbunden ist und sich bei seinem Wirken von Christi Geist leiten läßt.“ (72) Das Leben des Pfarrers von Ars liefert fürwahr eine neue, glanzvolle Bestätigung des obersten Gesetzes jeder apostolischen Tätigkeit, das sich auf die Worte Jesu Christi stützt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (73)

2. Der Pfarrer von Ars, mustergültig in seiner Zeit
61
Selbstverständlich geht es hier nicht darum, die erstaunliche Geschichte dieses schlichten Landpfarrers ausführlich zu erzählen, dessen Beichtstuhl dreißig Jahre lang von so unzähligen Menschen umlagert war, dass gewisse Spötter ihn als „Volksverführer des neunzehnten Jahr­hunderts“ (74) gelästert haben. Es ist Unseres Erachtens auch nicht nötig, näher einzugehen auf seine besonderen Seelsorgsmethoden, die in unserer Zeit nicht durchweg anwendbar sind.
62
Diesbezüglich sei nur daran erinnert, dass dieser Heilige für seine Zeit ein vorbildlicher Seel­sorger war in einem kleinen Dorf, wo die verhängnisvollen Folgen der französischen Revolution sich im Glaubens- und Sittenleben noch bemerkbar machten. Vor seinem Amtsantritt hatte er den Auftrag bekommen: „Diese Pfarrei ist arm an Gottesliebe; Sie werden sie ihr bringen.“ (75)
63
Wie er aber im Dienste Gottes unermüdlich tätig war, mit wie viel Geschick er die Jugend zu gewinnen und die Familien im christlichen Geiste zu bilden verstand, wie er um die zeitlichen Be­dürfnisse seiner Pfarrkinder, denen er sehr nahe stand, redlich besorgt war und sich dermaßen um die mannigfachsten Belange kümmerte, dass christliche Schulen gegründet und Volks­mis­sionen abgehalten wurden: das alles ist ein Beweis dafür, dass der heilige Johannes M. Vianney inmitten seiner kleinen Herde das getreue Ebenbild des Guten Hirten war, der seine Schäflein kennt, sie vor Gefahren schützt und ihnen ein zielbewusster und gütiger Hüter ist.
64
Ohne es zu ahnen, hat er sein eigenes Lob gesungen, als er einmal in einer Predigt ausrief: „Ein guter Hirt, ein Hirt nach dem Herzen Gottes, das ist das größte Geschenk, das der Herrgott einer Pfarrgemeinde machen kann.“ (76)


B. Das dreifache Beispiel des Pfarrers von Ars

1. Der pflichtbewusste Volksseelsorger

a) Hohe Einschätzung des Seelenheils
65
Das Beispiel dieses heiligen Mannes scheint Uns namentlich in dreifacher Hinsicht von grös­ster Bedeutung zu sein für alle Zeiten. Darum, ehrwürdige Brüder, möchten Wir eure Auf­merksamkeit besonders auf drei Punkte hinlenken.
66
Vor allem beeindruckt Uns seine hohe Wertschätzung für das Seelsorgeramt. Seine Demut war so groß und der Wert des menschlichen Seelenheils erschien ihm im Lichte des Glaubens so hoch, dass er seine Verantwortung als Pfarrer nur mit Furcht und Zittern zu tragen vermochte.
67
„Lieber Freund - gestand er einem Mitbruder -, du weißt nicht, was es heißt, aus einem Pfarrhaus vor Gottes Gericht gerufen zu werden.“ (77)
68
Es ist übrigens, wie schon erwähnt, eine bekannte Tatsache, dass es lange Zeit sein heißer Wunsch war, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, um dort, wie er sagte, „sein armseliges Le­ben zu beweinen“ und Buße zu tun. Ebenso steht fest, dass einzig der Gehorsam und die Sorge um das Heil der Seelen ihn dazu bewogen haben, an seinen bereits verlassenen Seel­sor­ger­posten zurückzukehren.

b) Heroische Einsatzbereitschaft
69
Wenn es aber zu gewissen Zeiten den Anschein hatte, als erliege er schier der erdrückenden Bürde seiner Amtslasten, so ist die Erklärung dafür in der Tatsache zu suchen, dass er von sei­nen Seelsorgerpflichten eine geradezu heldenmütige Auffassung hatte. Kaum war er Pfarrer ge­worden, da bestürmte er den Himmel mit der Bitte: „Mein Gott, gewähre mir die Bekehrung mei­ner Gemeinde! Ich bin bereit, mein Leben lang alles zu erdulden, was Dir gefällt.“ (78)
70
Und Gott hat sein Gebet erhört. Denn später musste er selber gestehen: „Hätte ich, als ich nach Ars kam, die Leiden vorausgesehen, die mir dort bevorstanden, ich wäre vor Schreck so­gleich gestorben.“ (79)
71
Nach dem Vorbild der apostolisch gesinnten Männer aller Zeiten hatte er im Kreuz das wirksamste Mittel erkannt, um etwas beizutragen zum ewigen Heil der ihm anvertrauten Seelen. Aus Liebe zu ihnen ertrug er, ohne zu klagen, Verleumdungen, Vorurteile und Widerwärtigkeiten aller Art; aus Liebe zu ihnen unterzog er sich bereitwillig den härtesten seelischen und kör­per­li­chen Beschwerden, die das tägliche, sozusagen ununterbrochene Beichthören während dreißig Jahren mit sich brachte; aus Liebe zu ihnen führte er einen heroischen Kampf gegen den bösen Feind und aus Liebe zu ihnen züchtigte er seinen Leib durch freiwillige Bußwerke.
72
Bekannt ist auch seine Antwort auf die Klage eines Mitbruders, der wegen des geringen Er­fol­ges seiner Bemühungen entmutigt war: „Du hast gebetet, geweint, geseufzt und gejammert. Hast du aber auch gefastet, Nächte durchwacht, auf dem harten Boden geschlafen und dich gegeis­selt? Solange du das nicht getan hast, darfst du nicht meinen, du habest alles versucht.“ (80)

c) Liebe zu den anvertrauten Seelen
73
Abermals wenden Wir Uns an alle Seelsorger und bitten sie inständig, sich diese schwer­wie­genden Worte zu Herzen zu nehmen. Im Lichte der übernatürlichen Klugheit, die unser ganzes Tun und Lassen leiten soll, möge ein jeder prüfen, ob seine Lebensweise den Anforderungen genügt, welche ihm die Hirtensorge um die anvertrauten Seelen auferlegt.
74
Im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, der unserer menschlichen Schwäche seine Hilfe nie­mals versagt, mögen die Priester über ihre Aufgaben und Pflichten nachdenken, indem sie sich das Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney vor Augen halten. „Ein großes Unglück für uns Priester - klagte der Heilige - ist die seelische Abstumpfung.“ Damit meinte er die verhängnisvolle Gleichgültigkeit gewisser Seelsorger gegenüber dem Sündenleben so vieler Schutzbefohlenen. Wer hingegen in die Fußstapfen des Pfarrers von Ars treten will, der „davon überzeugt war, dass man die Menschen lieben müsse, um ihnen Gutes zu tun“ (81), der möge sich fragen, wie groß seine Liebe zu denen ist, die Gott ihm anvertraut hat und für die Christus gestorben ist!
75
Zugegeben, wegen der menschlichen Freiheit und infolge gewisser Umstände, die vom menschlichen Willen unabhängig sind, können sogar die Bemühungen der größten Heiligen erfolglos bleiben. Dennoch darf der Priester nicht vergessen, dass gemäß dem unerforschlichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung das ewige Los sehr vieler Menschen durch seinen seelsorgerlichen Eifer und das Beispiel seines priesterlichen Lebenswandels mitbedingt ist. Dieser Gedanke ist so überwältigend, dass er den Saumseligen eine heilsame Warnung und den Arbeitsfreudigen ein wirksamer Ansporn sein muss.

 
2. Der unermüdliche Prediger und Katechet

a) Mühe und Beharrlichkeit im Studium
76
Man sagte vom heiligen Johannes Maria Vianney, er sei „allzeit bereit, den Bedürfnissen der Seelen zu dienen.“ (82) Als guter Hirt war er auch darin vorbildlich, dass er seinen Schutz­be­foh­le­nen die Nahrung der christlichen Wahrheit in reicher Fülle darbot. Tatsächlich hat er sein Leben lang als Prediger und Katechet gewirkt.
77
Um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, die das Konzil von Trient als erste und größte Pflicht bezeichnet, hat er bekanntlich schwer und unverdrossen gearbeitet. Schon die Studien, die er in vorgerückten Jahren aufnahm, bereiteten ihm viel Mühe. Und die ersten Predigten kosteten ihn gar manche durchwachte Nacht. Welch ein Beispiel für die Verkünder des Gotteswortes! So manch einer, der das Studium fast ganz vernachlässigt, sucht sich zu Unrecht mit der geringen Bildung dieses Priesters zu entschuldigen. Man sollte sich vielmehr die zähe Beharrlichkeit des Pfarrers von Ars zum Vorbild nehmen, die ihn befähigte, diese wichtige Aufgabe nach dem Maß seiner Begabung zu erfüllen. Übrigens war er keineswegs so unbegabt, wie man gemeinhin be­hauptet; denn „er verfügte über ein gesundes Urteil und einen klaren Verstand.“ (83)

b) Allgemeines und theologisches Wissen ist verpflichtend
78
Jedenfalls obliegt jedem Priester die Pflicht, sich jenes Maß von allgemeinen Kenntnissen und theologischem Fachwissen anzueignen, das seiner Begabung und seinem Amt entspricht. Es wäre sehr zu wünschen, dass die Seelsorger so viel Fleiß darauf verwendeten wie der Pfarrer von Ars! Er hat sich bemüht, die Schwierigkeiten des Studiums zu meistern, sein Gedächtnis zu stärken und vor allem die Wissenschaft des Kreuzes zu erwerben, das ja unter allen Büchern das wichtigste ist. Sein Bischof sagte einmal von ihm zu einigen Lästermäulern: „Ich weiß nicht, ob er gebildet ist. Jedenfalls ist er von Gott erleuchtet.“ (84)

c) Glaubensgeist und Gottesliebe
79
Mit vollem Recht hat daher Unser Vorgänger Pius XII. nicht gezögert, den Predigern der Heiligen Stadt diesen schlichten Landpfarrer als Vorbild zu empfehlen: „Der heilige Pfarrer von Ars besaß zwar nicht die angeborene Rednergabe eines Segneri oder eines Bossuet. Aber seine lebendige, klare und tiefe Überzeugung, die in seinen Worten mitschwang und aus seinen Augen leuchtete, gab ihm Gedanken und Bilder ein, die dem Fassungsvermögen seiner Zuhörer wirklich angepasst waren, und ließ ihn solch köstliche Vergleiche finden, dass sie sogar einen heiligen Franz von Sales in Staunen versetzt hätten. Das sind die Prediger, die das Herz der Gläubigen gewinnen. Wer erfüllt ist von Christus, findet unschwer Mittel und Wege, um auch andere zu Christus zu führen.“ (85)
80
Diese Worte enthalten eine wundervolle Charakteristik des Pfarrers von Ars als Katechet und Prediger. Als dann gegen Ende seines Lebens die geschwächte Stimme nicht mehr alle Zuhörer zu erreichen vermochte, da waren es sein flammender Blick, seine Tränen, seine Seufzer der Gottesliebe und sein schmerzvoller Ausdruck beim bloßen Gedanken an die Sünde, die auf die Gläubigen unter der Kanzel tiefen Eindruck machten. Wie hätten sie auch gleichgültig bleiben können beim Anblick eines Mannes, dessen Leben so vorbehaltlos Christus geweiht war?

d) Wertschätzung des Gotteswortes
81
Bis zu seinem seligen Tod oblag der heilige Johannes Maria Vianney äußerst gewissenhaft der Pflicht der religiösen Unterweisung seiner Pfarrangehörigen und der Pilgerscharen, die nach Ars kamen. Er brandmarkte, „Ob gelegen oder ungelegen“ (86), das Böse in all seinen Erschei­nungsformen. Aber mit Vorliebe ermutigte er die Seelen in ihrem Aufstieg zu Gott. Denn „er zeigte lieber die Schönheit der Tugend als die Hässlichkeit des Lasters.“ (87) Dieser schlichte Priester hatte die erhabene Würde der Verkündigung des Gotteswortes in hohem Maß erfasst. „Der Hei­land, der die Wahrheit selber ist - so pflegte er zu sagen -, schätzt sein Wort nicht geringer als sei­nen Leib.“

e) Pflichttreue und Anpassung heute
82
Man begreift daher, dass Unsere Vorgänger mit großer Freude den Seelsorgern dieses Vor­bild zur Nachahmung empfohlen haben. Denn es ist sicher äußerst wichtig, dass der Klerus die Amtspflicht der christlichen Unterweisung regelmäßig und peinlich genau erfüllt. „Diesbezüglich - sagte einmal der heilige Pius X. - gilt es, mit Nachdruck darauf zu bestehen, dass es für einen Priester, wer immer er sei, keine wichtigere Aufgabe, keine strengere Verpflichtung gibt.“ (88)
83
Unsere Vorgänger haben diese Mahnung unermüdlich wiederholt, und sie ist auch in das Gesetzbuch der Kirche aufgenommen worden. (89) Unserseits richten Wir sie neuerdings an euch, ehrwürdige Brüder, anlässlich der Jubiläumsfeier zu Ehren des heiligen Katecheten und Predigers von Ars.
84
In diesem Zusammenhang loben und fördern Wir die Studien, die in mehreren Ländern unter eurer Oberaufsicht mit Bedacht und Klugheit unternommen werden, um die religiöse Bildung der Jugend wie der Erwachsenen in ihren verschiedenen Formen zu verbessern und sie den Erfor­dernissen der Zeit und des Ortes anzupassen. Diese Bestrebungen sind gewiss nützlich; aber im Verlauf dieses Gedenkjahres will Gott uns von neuem hinweisen auf die unwiderstehliche Über­zeugungskraft dieses Priesters, der in Wort und Tat Zeugnis ablegte für Christus den Ge­kreu­zigten, „nicht durch die Überredungskunst menschlicher Weisheit, sondern durch den Erweis von Geist und Kraft.“ (90)

 
3. Der nie erlahmende Beichtvater

a) Massenhafter Zulauf von weit und breit
85
Schließlich bleibt noch jene Tätigkeit im seelsorglichen Wirken des heiligen Johannes Maria Vianney näher zu würdigen, die fast während seines ganzen Lebens sozusagen sein tägliches Martyrium war: die Spendung des Bußsakramentes. Als Beichtvater hat er unermesslichen Se­gen gestiftet und sich unvergänglichen Ruhm erworben.
86
„Tag für Tag verbrachte er durchschnittlich fünfzehn Stunden im Beichtstuhl. Dieser tägliche Dienst an den Seelen begann um ein oder zwei Uhr in der Frühe und dauerte bis spät in die Nacht hinein.“ (91) Und als er fünf Tage vor seinem Tod erschöpft zusammenbrach, kamen die letzten Beichtkinder an sein Sterbebett. Gegen Ende seines Lebens hat man die Zahl der Pilger auf achtzigtausend im Jahr geschätzt. (92)

b) Körperliche und seelische Belastung
87
Man kann sich kaum eine Vorstellung machen von Beschwerden, Widerwärtigkeiten und Körperqualen, welche dieser Mann in den endlosen Stunden des Beichthörens ausgestanden hat, war er doch durch Fasten, Bußwerke und Krankheiten, durchwachte und schlaflose Nächte bereits sehr geschwächt.
88
Vor allem aber peinigten ihn beklemmende Seelenängste, die ihn in die Klagen ausbrechen ließen: „Gott wird so schwer beleidigt, dass man versucht ist, das Ende der Welt herbei­zu­wün­schen! ... Man muss nach Ars kommen, um zu wissen, was die Sünde ist ... Was da zu tun ist, weiß ich nicht ... Man kann nur weinen und beten.“
89
Der Heilige hätte noch beifügen können, er nehme freiwillig einen Teil der Sühne auf sich. Wenn man ihn nämlich deswegen um Rat fragte, sagte er: „Ich gebe ihnen nur eine kleine Buße; den Rest übernehme ich selber.“ (93)

c) Mitleid mit den „armen Sündern“
90
Für die „armen Sünder“, wie er sie nannte, hatte der Pfarrer von Ars stets ein offenes Herz, weil er von der Hoffnung beseelt war, sie würden sich bekehren und ihre Sünden bereuen. Auf dieses Ziel richtete sich sein ganzes Sinnen und Trachten, darauf verwandte er fast seine ganze Zeit und all seine Kräfte. (94)
91
Denn aus seiner Erfahrung als Beichtvater kannte er die Bosheit der Sünde sowie deren ver­hee­rende Folgen in den Seelen der Menschen. Er hat mit Ekel und Abscheu davon gesprochen: „Wenn wir den Glauben hätten und eine Seele im Zustand der Todsünde sehen könnten, wir würden sterben vor Schreck.“ (95)

d) Vermittler der göttlichen Barmherzigkeit
92
Was ihm jedoch weh tat und heftige Worte entlockte, das war nicht so sehr die Aussicht auf Höllenstrafen für die verstockten Sünder, als vielmehr der Schmerz beim Gedanken an die verkannte und beleidigte Liebe Gottes. Die Herzlosigkeit der Missetaten und die Undankbarkeit gegen Gottes Güte trieb ihm die Tränen in die Augen. „Mein Freund, sagte er jeweils, ich weine, weil du nicht weinst.“ (96)
93
Und doch, mit wie viel Milde und Geduld suchte er in reumütigen Herzen neue Hoffnung zu wecken! Er scheute keine Mühe, um ihnen als Vermittler der göttlichen Barmherzigkeit zu dienen, die - wie er selber sagte – mächtig ist „wie ein überbordender Strom, der alle Herzen mit sich fort­reißt“ (97), und noch weit zuvorkommender als die besorgte Liebe einer Mutter, „da Gott rascher bereit ist zu verzeihen, als eine Mutter, um ihr Kind aus den Flammen zu retten“ (98)

e) Wertschätzung der öfteren Beichte
94
Möge das Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars die Beichtväter und Seelenführer anspornen, dieser verantwortungsvollen Amtspflicht mit Beflissenheit und mit der nötigen Sachkenntnis nachzukommen. Denn vor allem im Bußsakrament triumphiert schließlich die göttliche Barm­her­zigkeit über die menschliche Bosheit. Hier werden die Menschen von Sündenschuld befreit und mit Gott versöhnt.
95
Ferner erinnern Wir daran, dass Unser Vorgänger Pius XII. „mit ernsten Worten“ die Meinung verworfen hat, wonach der öfteren sakramentalen Beichte der lässlichen Sünden nur ein geringer Wert zukomme. Dazu hat er sich wie folgt geäußert: „Zum täglichen eifrigen Fortschritt auf dem Weg der Tugend möchten Wir den frommen Brauch der öfteren Beichte angelegentlichst em­pfohlen wissen, der nicht ohne den Antrieb des Heiligen Geistes in der Kirche eingeführt wurde.“ (99)
96 Zugleich geben Wir der Hoffnung Ausdruck, die Priester möchten allen voran, gemäß der kanonischen Vorschrift, (100) dem regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes treu sein, das ein notwendiges Mittel ist zu ihrer persönlichen Heiligung. Wir ersuchen sie, mit der gebührenden Ehrfurcht in die Tat umzusetzen, was Pius XII. in seinen inständigen Mahnworten diesbezüglich mehrmals „wehen Herzens“ eingeschärft hat. (101)


Schlussworte


1. An alle Priester: die hohe Sendung verpflichtet

97Zum Schluss wollen Wir, ehrwürdige Brüder, Unserer tröstlichen Hoffnung Ausdruck ver­lei­hen, es möge diese Zentenarfeier mit Gottes Gnadenhilfe in jedem Priester das Verlangen wecken, seinem heiligen Dienst noch eifriger und großmütiger zu obliegen, insbesondere „der ersten Pflicht des Priesters, Wir meinen die Pflicht, nach persönlicher Heiligung zustreben“. (102)
98
Wenn Wir auf der Hochwarte des obersten Hirtenamtes, zu dem Wir durch den uner­gründ­lichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung berufen wurden, Ausschau halten nach dem Hoffen und Sehnen der Menschen, nach so vielen Ländern der Welt, welche der Frohbotschaft Jesu Christi noch nicht erschlossen sind, oder nach den unzähligen Bedürfnissen der Christenheit, dann schwebt Uns immer wieder das Bild des Priesters vor Augen.
99
Gäbe es keine Priester oder fiele ihr tägliches Wirken aus, was nützten dann alle aposto­lischen Bestrebungen, selbst jene, die unserer Zeit am besten zu entsprechen scheinen? Was vermöchten selbst jene Männer auszurichten, die im Laienapostolat ihre Hilfsdienste großmütig zur Verfügung stellen?
100
An alle Priester also, die Wir tief ins Herz geschlossen haben und von denen die Kirche so viel erwartet, richten Wir im Namen Jesu Christi die väterliche Einladung, sie möchten allen An­forderungen ihrer erhabenen Stellung in der Kirche mit unverbrüchlicher Treue entsprechen.
101
Dieser Einladung sollen die Worte des heiligen Pius X. Nachdruck verleihen: „Um das Reich Je­su Christi in der Welt auszubreiten, ist nichts notwendiger als ein heiliger Klerus, der mit Bei­spiel, Wort und Wissen den Christgläubigen den Weg weisen kann.“ (103)
102
Damit stimmt genau überein, was der heilige Johannes Maria Vianney einst zu seinem Bi­schof sagte: „Wenn Sie Ihre Diözese bekehren wollen, dann müssen Sie aus jedem Pfarrer einen Heiligen machen.“

2. An die Bischöfe: die Vatersorge für die Priester
103
Euch, ehrwürdige Brüder, obliegt an erster Stelle die schwere Verantwortung für die Hei­lig­keit eures Klerus. Darum möchten Wir euch dringlich ersuchen, diesen geliebten Söhnen eure zuvorkommende Aufmerksamkeit zu schenken, falls sie in ihrem persönlichen Leben oder in der Erfüllung ihrer Amtspflichten mit ernsthaften Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
104
Wie viel vermag nicht ein Bischof, der seine Priester liebt und ihr Vertrauen besitzt; der sie wirklich kennt, sich liebevoll ihrer annimmt und sie mit ebenso starker wie väterlicher Hand leitet!
105
Wenn zwar die Hirtensorge für die ganze Diözese auf euren Schultern liegt, so müsst ihr doch eure ganz besondere Fürsorge jenen Männern angedeihen lassen, die durch die Prie­sterweihe eure engsten Mitarbeiter geworden sind und durch heilige Bande eurem Herzen nahe stehen.

3. An alle Gläubigen: Ehrfurcht und Unterstützung
106
Auch an alle Gläubigen richten Wir aus Anlass dieser Jahrhundertfeier die väterliche Mah­nung, inständig für ihre Priester zu beten und sie dadurch auf dem Weg zur Vollkommenheit zu unterstützen.
107
Die eifrigen Christen blicken heute voller Erwartungen zum Priester auf. In einer Welt, wo die Macht des Geldes, die Verlockungen zur Sinnenlust und die Überschätzung der Technik weit und breit Triumphe feiern, wollen die Menschen im Priester einen Mann sehen, der im Namen Gottes spricht, der von starkem Glauben und selbstloser Nächstenliebe beseelt ist.
108
Alle Gläubigen sollen daher bedenken, wie viel sie zur Verwirklichung dieses hohen Ideals beitragen können, wofern sie nur der Würde des Priesters die gebührende Ehrerbietung erwei­sen, der schwierigen Aufgabe der Seelsorger das nötige Verständnis entgegenbringen und ihnen ihre Dienste stets williger zur Verfügung stellen.

4. An die Jugend

a) Dem Ruf Gottes Gehör schenken
109
Schließlich drängt es Uns, der Jugend ein besonders väterliches Wort zu widmen. Ihr gehört Ja Unsere ganze Liebe und auf sie setzt die Kirche große Hoffnungen für die Zukunft.
110
„Die Ernte ist reich, aber es fehlt an Arbeitern.“ (104) In vielen Ländern sind die Boten des Evangeliums durch ihre Arbeit aufgerieben und warten sehnlichst auf Ablösung. Ganze Völker leiden Hunger, mehr noch nach seelischer als nach leiblicher Nahrung. Wer wird ihnen das Brot des Lebens und der Wahrheit brechen?
111
Wir wollen zuversichtlich hoffen, dass die Jugend heute nicht weniger als früher dem Ruf des göttlichen Meisters zur Mitarbeit an diesem heilsnotwendigen Werk hochherzig Folge leisten wird.

b) Größe und Schönheit des Priesterideals
112
Gewiss, das Leben der Priester ist oft schwer. Kein Wunder, sind sie doch vor allen anderen der Arglist und den Verfolgungen der Kirchenfeinde ausgesetzt. Ganz richtig bemerkte der Pfarrer von Ars: Wer die Religion ausrotten will, greift in seinem Hass zuerst die Priester an.
113
Aber selbst inmitten dieser harten Anfechtungen schöpfen die eifrigen Priester tiefes und wahres Glück aus dem Bewusstsein ihrer Sendung. Vom Herrn und Heiland sind sie dazu berufen, einer hochheiligen Sache zu dienen: der Rettung der Seelen und dem Wachstum des mystischen Leibes Christi.

c) Verantwortung der Eltern
Daher sollen die christlichen Familien es als ihre Ehrenpflicht betrachten, der Kirche Priester zu schenken, indem sie ihre Söhne freudig und dankbar zum heiligen Dienst anbieten.

114
Da Wir wissen, dass Wir mit diesem Aufruf auch euch, ehrwürdige Brüder, aus der Seele sprechen, erübrigt es sich, länger dabei zu verweilen. Wir sind überzeugt, dass ihr Unsere Be­sorgnis und deren Dringlichkeit vollauf begreift und nach Kräften mit Uns teilt. Wir empfehlen in­dessen dieses außerordentlich wichtige Anliegen, das in enger Beziehung steht zum ewigen Heil unzähliger Seelen, der mächtigen Fürbitte des heiligen Johannes Maria Vianney.

5. Zuflucht zur seligsten Jungfrau Maria

a) Die Botschaft von Lourdes
115
Und nun blicken Wir auf zur makellos empfangenen Gottesmutter. Kurz bevor der heilige Pfarrer von Ars nach einem langen, verdienstvollen Leben starb, war die Jungfrau Maria in einer anderen Gegend Frankreichs einem unschuldigen Mädchen aus dem Volk erschienen, um ihm einen mütterlichen Mahnruf zu Gebet und Buße anzuvertrauen. Heute noch, nach Ablauf eines Jahrhunderts, erschüttert diese hehre Botschaft die Herzen der Menschen und findet in aller Welt ein unermessliches Echo.

b) Das Beispiel von Ars
116
Nun hatte jener heiliggesprochene Priester, dessen hundertsten Todestag wir feierlich begehen, durch seine Taten und Worte die in Lourdes verkündete Glaubenswahrheit schon zum voraus mit begnadetem Seherblick in helles Licht gestellt. Da er selber die Unbefleckte Empfängnis Mariä kindlich verehrte, hat er ihr bereits 1836 seine ganze Pfarrei geweiht und im Jahre 1854 die feierliche Verkündigung dieses Dogmas mit gläubiger Ehrfurcht und jubelndem Herzen aufgenommen. (105)

c) Segen dieses Doppeljubiläums
117
In tiefer Dankbarkeit gegen Gott verbinden Wir diese beiden Jahrhundertfeiern von Lourdes und von Ars, die dank einer Fügung der Vorsehung kurz aufeinander folgen. Sie bedeuten eine hohe Ehre für jene Unserem Herzen überaus teure Nation, die sich rühmen kann, diese heiligen Stätten ihr eigen zu nennen.
118
Eingedenk der bereits empfangenen Wohltaten und im zuversichtlichen Vertrauen, dass Uns wie auch der ganzen Kirche neue Gnaden zufließen werden, machen Wir Uns das bevorzugte Gebet des Pfarrers von Ars zu eigen: „Gepriesen sei die Unbefleckte Empfängnis der aller­se­lig­sten Jungfrau und Gottesmutter Maria. Alle Völker und Länder der Erde mögen Dein unbeflecktes Herz lobpreisen, anrufen und verherrlichen.“ (106)

6. Erwartung und Segen des Papstes
119
Wir hoffen bestimmt, dass diese Zentenarfeier zu Ehren des heiligen Johannes Maria Vianney überall auf Erden die Priester und Priesteramtskandidaten in der Treue zur Berufsgnade neuerdings bestärken wie auch das Interesse aller Gläubigen für die Belange des Priesterlebens und Seelsorgerwirkens nachhaltig steigern werde. Darum erteilen Wir allen und jedem einzelnen, insbesondere euch, ehrwürdige Brüder, als Unterpfand der göttlichen Gnaden und zum Zeichen Unseres Wohlwollens, in herzlicher Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 1. August 1959,
im ersten Jahr Unseres Pontifikates.

JOHANNES PP. XXIII.


Anmerkungen
(1) JOHANNES XXIII., Rundschreiben zum hundertsten Todestag des heiligen Johannes Maria Vianney. AAS LI (1959) 545-579.
(2) Pius XI., Homilie praeclaram Nobis bei der Heiligsprechung des hl. Johannes M. Vianney und des hl. Johannes Eudes, am 31. Mai 1925 AAS XVIl (1925) 224.
(3) Pius XI., Apostolisches Schreiben Anno Jubilari vom 23. April 1929. AAS XXI (1929) 313.
(4) Pius X., Mahnwort an den katholischen Klerus anlässlich seines fünfzigsten Priesterjubiläums, vom 4. August 1908. Acta Pii X., Bd. IV, 237-264; ASS XLI (1908) 555-577. Vgl. oben Nm. 67-101.
(
5) Pius XI., Rundschreiben über das katholische Priestertum, vom 20. Dezember 1935. AAS XXVIlI (1936) 5-53. Vgl. oben Nm. 1-66.
(
6) Pius XII., Apostolische Ermahnung über die Förderung der Heiligkeit des Priesterlebens, vom 23. September 1950. AAS XLII (1950) 657-702. Vgl. oben Nm. 125-216. .
(
7) Pius XII., Ansprache Quidnam sit an die Kardinäle und Bischöfe nach der Heiligsprechung Papst Pius' X., gehalten am 31. Mai 1954. AAS XLVI (1954) 313-317 und 666-677.
(
8) Pius XII., Ansprache Sull´esemplo an die Theologen des Regionalseminars von Apulien, vorbereitet für den 19. Oktober 1958. AAS L (1958) 966-967.
(9) 9 Römisches Pontifikale, Priesterweihe. Vgl. Joh. xv 15.
(10) Pius X., Mahnwort Haerent animo an den katholischen Klerus, vom 4. August 1908. Acta Pii X., Bd. IV, 238. Vgl. oben Nr. 68.
(
11) Römisches Missale, Oration der Messe am Fest des hl. Johannes M. Vianney (9. August).
(
12) Vgl. Vatikanisches Geheimarchiv, Ritenkongregation, Prozessakten Bd.227, S.196.
(
13) Pius XII., Ansprache Annus Sacer vom 8. Dezember 1950 an den ersten Dele­gier­ten­kon­gress der religiösen Orden, Kongregationen, Gesellschaften und Weltlichen Institute in Rom. AAS XLIII (1951) 29. Vgl. HK Nr.1422.
(
14) PlUS XII., ebd.
(
15) THOMAS VON AQUIN, Sumo theol. 11-11 q. 184 a. 8 in C.
(
16) Pius XII., Ansprache anlässlich der Zentenarfeier des Séminaire Pontifical Français de Rome, 16. April 1953. AAS XLV (1953) 288.
(
17) Matth. 17,24.
(
18) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd.227, S.42. - Alle Zeugenaussagen sowie sämtliche Worte des Pfarrers von Ars werden hier nicht nach der lateinischen Übersetzung des AAS, sondern nach der französischen Originalfassung widergegeben (Anmerkung der Herausgebers).
(
19) Vgl. ebd., Bd. 227, S.137.
(
20) Vgl. ebd., Bd. 227, S. 92.
(
21) Vgl. ebd., Bd. 3897, S. 510.
(
22) Vgl. ebd., Bd. 227, S. 334.
(
23) Vgl. ebd., Bd. 227, S. 305.
(
24) Pius XI., Rundschreiben Divini Redemptoris über den gottlosen Kommunismus, vom 19. März 1937. AAS XXIX (1937)99. VgI. MG Nr.228.
(
25) Pius XI., Rundschreiben Ad catbolici sacerdotii. AAS XXVIII (1936)28. VgI. oben Nr.34.
(
26) Cod. iur. can. c. 1473.
(
27) VgI. Sermons du B. Jean B. M. Vianney, Bd. I (1909) 364.
(
28) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S.91.
(
29) BEDA VENEllABILIS, InLuc. Ev. Expositio, IV ,inc. 12. PL 92,494-495.
(
30) Vgl.Luk.x7.
(31) Vgl. Pius XII., Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 697-699. Vgl. oben Nm. 210-212.
(
32) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S. 91.
(
33) THOMAS VON AQUIN, Sumo theol. II-II q. 184 a. 8 in C.
(
34) PlUS X., Mahnwort Haerent animo. Acta Pii X., Bd. IV, 260. Vgl. oben Nr. 97.
(
35) Vgl. Pius XII., Rundschreiben Sacra Virginitas über die gottgeweihte Jungfräulichkeit, vom 25. März 1954. AAS XLVI {1954) 161-191.
(
36) Vgl. Vatik. Geheirnarch., Bd. 3897, S. 536.
(
37) Vgl. 1 Kor. IX 27.
(
38) Vgl. Vatik. Geheirnarch., Bd. 3897, S. 304.
(
39) Hier wie noch an anderen Stellen fehlt in den AAS der Quellenverweis (Anmerkung des Herausgebers).
(
40) Pius XI., Rundschreiben Ad catbolici sacerdotii. AAS XXVIII (1936) 28. Vgl. oben Nr. 33.
(
41) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227; S. 29.
(
42) Vgl. ebd., Bd.227, S.74.
(
43) Vgl. ebd., Bd. 227, S.39.
(
44) Vgl. ebd., Bd. 3895, S.153.
(
45) Luk. 10,16.
(
46) Pius XII., Ermahnung In auspicando an den einheimischen Klerus. AAS XL (1948) 375.
(
47) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227,5.136.
(
48) Vgl. ebd., Bd. 227,5.33.
(
49) Vgl. PlUS XII., Discorsi e Radiomessaggi di 55. Pio XII.,Bd.14, 452.
(
50) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S.131.
(
51) Vgl. ebd., Bd. 227, S.1100.
(
52) Vgl. ebd., Bd.227, S.54.
(
53) Vgl. ebd., Bd. 227, S.45.
(
54) Vgl. ebd., Bd. 227, S. 29.
(
55) Vgl. ebd., Bd.227, S. 976.
(56) Cod. iur. can. c. 125.
(
57) Ebd. c.135.
(
58) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S.36.
(
59) Plus X., Mahnwort Haerent animo. Acta Pii X., Bd. IV, 248-249. Vgl. oben Nr. 80.
(
60) Pius XII., Ansprache Sollemnis conventus vom 24. Juni 1939. AAS XXXI. (1939) 249. Vgl. oben Nr. 225.
(
61) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S.1103.
(
62) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S. 45.
(
63) Vgl. ebd., Bd. 227, S. 459.
(
64) Pius XII., Handschriftliche Botschaft Nous sommes présent zum 16. Eucharistischen Kongress in Rennes (Frankreich), vom 25. Juni 1956. AAS XLVIII (1956) 579.
(
65) Pros XII.; Ansprache La paterna parola an die Pfarrherren und Fastenprediger der Stadt Rom, vom 13. März 1943. AAS XXXV (1943) 114-115.
(
66) Röm. 12, 1.
(
67)  Pius XII., Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 666-667. Vgl. oben Nm. 143 und 145.
(
68) Ebd., S. 667-668. Vgl. oben Nr. 147.
(
69) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd.227, S. 319.
(
70) Vgl. ebd., Bd.227, S. 47.
(
71) Vgl. ebd., S. 667 - 668.
(
72) Pius XII., Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLll (1950) 676. Vgl. oben Nr. 166.
(
73) Joh. 15, 5.
(
74) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S. 629.
(
75) Vgl. ebd., Bd. 227, S. 15.
(
76) Vgl. Sermones du B. Jean B. M. Vianney, Bd. II (1909) 86.
(
77) Vgl. Vatik. Geheimarchiv., Bd. 227, S. 1210.
(
78) Vgl. ebd., S. 53.
(
79) Vgl. ebd., S. 991.
(
80) Vgl. ebd., S. 53.
(
81) Vgl. ebd., S. 1002.
(
82) Vgl. ebd., S. 580.
(
83) Vgl. ebd., Bd. 3897,S. 444.
(
84) Vgl. ebd., Bd. 3897, S. 272.
(
85) Pius XII., Ansprache Ci torna sempre an die Pfarrherren und Fastenprediger der Stadt Rom, vom 16. März 1946. AAS XXXVIII (1946) 186. 2 Tim. 4, 2.
(
86) 2 Tim 4, 2.
(
87) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S.185.
(
88) Pius X., Rundschreiben Acerbo nimis. Acta Pii X., Bd. 11,75.
(
89) Cod. iur. can. c.1330-1332.
(
90) 1 Kor. 2, 4.
(
91) VgI. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S. 18.
(
92) VgI. ebd.
(
93) VgI. ebd., S. 1018.
(
94) Vgl. ebd., S. 18.
(
95) Vgl. ebd., S. 290.
(
96) Vgl. ebd., S. 999.
(
97) Vgl. ebd., S. 978.
(
98) Vgl. ebd., Bd. 3900, S. 1554.
(
99) Pius XII., Rundschreiben Mystici Corporis vom 29. Juni 1943. AAS XXXV (1943) 235. Vgl. HK Nr.827.
(
100) Cod. iur. can. c. 125 § 1.
(
101) Vgl. PlUS XII., Rundschreiben Mystici Corporis. AAS XXXV (1943) 235. Vgl. HK Nr. 827; Rundschreiben Mediator Dei vom 20. November 1947. AAS XXXIX (1947) 585. Vgl. HK Nr.354; Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 674. Vgl. oben Nr.161.
(
102) Pros XII., Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 677. VgI. oben Nr.168.
(
103) PlUS X., Schreiben La ristorazione. Acta Pii X., Bd. I, 257.
(
104) Matth. 9, 37.
(
105) Vgl. Vatik. Geheimarch., Bd. 227, S. 90.
(
106) Vgl. ebd., Bd. 227,S. 1021.

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Schreiben von Papst Johannes Paul II.


an alle Priester der Kirche
zum Gründonnerstag 1986

16. März 1986


Liebe Brüder im Priesteramt!

Gründonnerstag, das Fest der Priester

1. Wieder stehen wir kurz vor dem Gründonnerstag, dem Tag, an dem Jesus Christus die heilige Eucharistie und zugleich unser Priesteramt eingesetzt hat. „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“1 Als der Gute Hirt ging er hin, sein Leben zu geben für seine Schafe,2 um die Menschen zu retten, sie mit seinem Vater zu versöhnen und zu einem neuen Leben zu führen. Und so bot er schon den Aposteln als Speise seinen Leib dar, für sie hingegeben, und sein Blut, für sie vergossen.
In jedem Jahr ist dies ein großer Tag für alle Christen: In der Nachfolge der ersten Jünger kommen sie zusammen, um in der abendlichen Liturgie, welche das Letzte Abendmahl erneuert, den Leib und das Blut Christi zu empfangen. Sie erhalten vom Heiland das Vermächtnis der Bruderliebe, die ihr ganzes Leben durchdringen soll, und sie beginnen, mit ihm zu wachen, um sich seiner Passion anzuschließen. Ihr selbst werdet sie zur Gemeinschaft zusammenführen und ihr Gebet leiten.
Aber dieser Tag ist in besonderer Weise groß für euch, liebe Brüder im Priesteramt. Er ist das Fest der Priester. Er ist der Tag, an dem unser Priestertum entstand, das Teilhabe ist am einzigen Priestertum unseres Mittlers Jesu Christi. An diesem Tag sind die Priester der ganzen Welt eingeladen, zusammen mit ihren Bischöfen die Eucharistie gemeinsam zu feiern und vor ihnen die Versprechen ihrer priesterlichen Verpflichtungen im Dienst Christi und seiner Kirche zu erneuern.
Wie ihr wisst, fühle ich mich einem jeden von euch bei dieser Gelegenheit besonders verbunden. Und wie in jedem Jahr sende ich euch als Zeichen unserer sakramentalen Einheit im selben Priestertum und gedrängt durch meine herzliche Wertschätzung, die ich für euch hege, und durch meinen Auftrag, alle meine Brüder in ihrem Dienst für den Herrn zu stärken, diesen Brief, um euch zu helfen, das unerhörte Geschenk neu zu beleben, das euch durch die Auferlegung der Hände anvertraut worden ist.3 Dieses Priesteramt, an dem wir Anteil haben, ist auch unsere Berufung und unsere Gnade. Es prägt unser ganzes Leben mit dem Siegel eines Dienstes, der am meisten notwendig ist und die höchsten Anforderungen stellt, der Dienst am Heil der Seelen. Wir werden darin eingeübt durch das Vorbild zahlreicher Mitbrüder, die uns vorangegangen sind.

Das unerreichte Vorbild des Pfarrers von Ars

2. Einer von ihnen ist dem Gedächtnis der Kirche sehr gegenwärtig geblieben und wird in diesem Jahr wegen des zweihundertsten Jahrestages seiner Geburt besonders gefeiert: der heilige Jean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars.
Wir möchten alle Christus, dem Ersten der Hirten, für dieses außerordentliche Beispiel eines priesterlichen Lebens und Wirkens danken, wie es der heilige Pfarrer von Ars der ganzen Kirche und vor allem uns Priestern darbietet.
Wie viele von uns haben sich auf das Priestertum vorbereitet oder üben heute ihren schwierigen Dienst als Seelsorger aus, indem sie dabei die Gestalt des heiligen Jean-Marie Vianney vor Augen haben! Sein Beispiel sollte nicht in Vergessenheit geraten. Mehr denn je haben wir sein Zeugnis und seine Fürbitte nötig, um der Situation unserer Zeit begegnen zu können, in der sich die Verkündigung trotz einer gewissen Zahl von Hoffnungszeichen einer wachsenden Verweltlichung gegenübersieht, man die übernatürliche Aszese vernachlässigt, viele die Ausrichtung auf das Reich Gottes aus den Augen verlieren und man sich oft, sogar in der Pastoral, zu ausschließlich um den sozialen Aspekt und um irdische Ziele kümmert. Der Pfarrer von Ars musste im vergangenen Jahrhundert gegen Schwierigkeiten angehen, die vielleicht anders aussahen, aber nicht weniger groß als die heutigen waren. Durch sein Leben und Wirken war er für die Gesellschaft seiner Zeit gleichsam eine starke evangelische Herausforderung, die erstaunliche Früchte der Bekehrung gebracht hat. Zweifellos stellt er auch heute noch für uns diese große evangelische Herausforderung dar.
Ich lade euch darum ein, jetzt über unser Priestertum nachzudenken und dabei auf diesen einzigartigen Hirten zu schauen, der zugleich die volle Erfüllung des priesterlichen Amtes und die Heiligkeit seines Trägers veranschaulicht.
Ihr wisst, dass Jean-Marie Baptiste Vianney am 4. August 1859 in Ars verstorben ist, nach vierzig Jahren einer Hingabe bis zur Erschöpfung. Er war damals 73 Jahre alt. Bei seiner Ankunft war Ars ein kleines, unbekanntes Dorf in der Diözese von Lyon, heute von Belley. Am Ende seines Lebens strömte man aus ganz Frankreich dorthin, und sein Ruf der Heiligkeit hat nach seinem Heimgang zu Gott schnell die Aufmerksamkeit der ganzen Kirche auf sich gezogen. Nach der Seligsprechung durch den heiligen Pius X. im Jahre 1905 hat Pius XI. ihn im Jahre 1925 heiliggesprochen; im Jahre 1929 hat er ihn dann zum Schutzpatron der Seelsorger der ganzen Welt erklärt. Zum hundertsten Jahrestag seines Todes hat Johannes XXIII. die Enzyklika Nostri sacerdotii primitias geschrieben, um den Pfarrer von Ars als Beispiel für Leben und Aszese des Priesters, als Vorbild für Gebet und eucharistische Frömmigkeit sowie für pastoralen Einsatz vorzustellen, und das alles auf die Bedürfnisse unserer Zeit bezogen. Im vorliegenden Brief möchte ich lediglich eure Aufmerksamkeit auf einige wesentliche Aspekte richten, die uns helfen können, unser Priestertum neu und tiefer zu entdecken und es besser zu leben.


Das wahrhaft außerordentliche Leben des Pfarrers von Ars


Sein ausdauernder Wille, sich auf das Priestertum vorzubereiten

3. Der Pfarrer von Ars ist zunächst ein Beispiel an starkem Willen für diejenigen, die sich auf das Priestertum vorbereiten. Eine Reihe von Schwierigkeiten hätte ihn entmutigen können: Auswirkungen der Revolutionswirren, fehlender Unterricht in seiner ländlichen Umgebung, die Zurückhaltung seines Vaters, die Notwendigkeit, sich an der Feldarbeit zu beteiligen, die Risiken des Militärdienstes und vor allem, trotz seiner intuitiven Intelligenz und regen Empfindsamkeit, die große Schwierigkeit, zu lernen und sich etwas einzuprägen und folglich dem theologischen Unterricht auf Latein folgen zu können, und schließlich eine dadurch bedingte Entlassung aus dem Seminar von Lyon. Weil jedoch die Echtheit seiner Berufung anerkannt wurde, konnte er im Alter von 29 Jahren geweiht werden. Wegen seiner Ausdauer im Arbeiten und Beten über- wand er alle Hindernisse und Begrenzungen wie auch in seinem späteren Priesterleben die Schwierigkeit, seine Predigten mühsam vorzubereiten oder am Abend Werke von Theologen oder geistlichen Schriftstellern zu lesen. Von jungen Jahren an war er von der großen Sehnsucht erfüllt, als Priester „die Seelen für den lieben Gott zu gewinnen“; er wurde darin bestärkt durch das Vertrauen seines Nachbarpfarrers von Ecully, der einen guten Teil seiner Vorbereitung auf das Priestertum übernommen hatte, weil er an seiner Berufung nicht zweifelte. Welch mutiges Beispiel für diejenigen, die heute die Gnade erkennen, zum Priestertum berufen zu sein!

Die Tiefe seiner Liebe zu Christus und zu den Seelen

4. Der Pfarrer von Ars ist für alle Seelsorger ein Beispiel an priesterlichem Eifer. Das Geheimnis seiner Hochherzigkeit liegt ohne Zweifel in seiner grenzenlos gelebten Liebe zu Gott, mit der er ständig auf jene Liebe antwortete, die sich im gekreuzigten Herrn Jesus Christus offenbart hat. Dort gründet sein sehnliches Verlangen, alles zu tun, um die durch Christus zu einem so hohen Preis erlösten Seelen zu retten und zur Liebe Gottes zurückzuführen. Erinnern wir uns an eines seiner knappen Worte, für die er ein Geschick hatte: „Das Priestertum, das ist die Liebe des Herzens Jesu.“4 Immer wieder kam er in seinen Predigten und Katechesen auf diese Liebe zurück: „Mein Gott, ich möchte lieber sterben in der Liebe zu dir, als nur einen einzigen Augenblick zu leben, ohne dich zu lieben... Ich liebe dich, mein göttlicher Erlöser, weil du für mich gekreuzigt worden bist... weil du mich gekreuzigt hältst für dich.“5
Um Christi willen sucht er wortwörtlich den radikalen Forderungen zu entsprechen, die Jesus im Evangelium den Jüngern, die er zur Mission aussendet, stellt: Gebet, Armut, Demut, Selbstverleugnung, freiwillige Buße. Und wie Christus empfindet er für seine Pfarrkinder eine Liebe, die ihn zur letzten pastoralen Hingabe und zum Opfer seiner selbst führt. Selten ist sich ein Seelsorger seiner Verantwortung so sehr bewusst gewesen, indem er sich vor Sehnsucht verzehrte, seine Gläubigen ihrer Sünde oder ihrer Lauheit zu entreißen. „Mein Gott, gewähre mir die Bekehrung meiner Pfarrei: Dafür lass mich erleiden, was du möchtest, mein ganzes Leben lang.“
Liebe Brüder im Priesteramt, belehrt durch das II. Vatikanische Konzil, das die Weihe des Priesters auf so glückliche Weise in seine pastorale Sendung eingefügt hat, wollen wir den Elan unseres pastoralen Eifers mit Jean-Marie Vianney im Herzen Jesu suchen, in seiner Liebe zu den Seelen. Wenn wir nicht aus derselben Quelle schöpften, liefe unser Dienst Gefahr, recht wenig Früchte zu tragen!

Die erstaunlichen und vielfältigen Früchte seines Dienstes

5. Gerade im Falle des Pfarrers von Ars sind die Früchte erstaunlich gewesen, fast wie bei Jesus im Evangelium. Der Heiland, dem Jean-Marie Vianney all seine Kräfte und sein ganzes Herz weiht, schenkt ihm gleichsam die Seelen. Ihm vertraut er sie an, in überreichem Maße.
Da ist zunächst seine Pfarrei - bei seiner Ankunft zählte sie nur 230 Personen -, die sich tief verändern wird. Nun weiß man, dass es in diesem Dorf viel Gleichgültigkeit im Glauben und sehr wenig religiöse Praxis bei den Menschen gab. Der Bischof hatte Jean-Marie Vianney gewarnt: „Es gibt nicht viel Gottesliebe in dieser Pfarrei, du musst sie dorthin bringen.“ Aber sehr schnell wird dieser Pfarrer weit über sein Dorf hinaus zum Seelsorger ungezählter Menschen, die aus der ganzen Gegend, aus verschiedenen Teilen Frankreichs und aus anderen Ländern herbeiströmen. Man spricht von 80000 Personen im Jahr 1858! Man wartete manchmal mehrere Tage, um ihn zu treffen und bei ihm zu beichten. Was die Menschen anzieht, ist nicht so sehr die Neugierde und auch nicht sein Ruf, der durch Wunder, außerordentliche Heilungen, die der Heilige verbergen möchte, begründet ist. Es ist vielmehr die Vorahnung, einem Heiligen zu begegnen, so erstaunlich durch sein Bußleben, so vertraut mit Gott im Gebet, so auffällig in seiner Friedfertigkeit und Demut inmitten seiner Erfolge bei den Leuten und vor allem so einfühlend, um der seelischen Verfassung der Menschen zu entsprechen und sie von ihrer Last zu befreien, besonders im Beichtstuhl. Ja, Gott hat als Beispiel für die Seelsorger den erwählt, der in den Augen der Menschen armselig, schwächlich, wehrlos und verachtet hätte erscheinen können.6 Er hat ihn überreich beschenkt mit seinen besten Gaben als Hirt und Arzt der Seelen.
Auch wenn man die besondere Begnadung des Pfarrers von Ars berücksichtigt, liegt nicht doch gerade darin ein Zeichen der Hoffnung für die Seelsorger, die auch heute an einer gewissen geistigen Wüste leiden?


Die wichtigsten pastoralen Dienste im Wirken des Pfarrers von Ars


Die verschiedenen Wege seines Apostolates, stets auf das Wesentliche bezogen

6. Jean-Marie Vianney widmete sich im wesentlichen der Glaubensunterweisung und der Reinigung der Gewissen; diese beiden Dienste führten dann zusammen zur Eucharistie. Muss man nicht darin auch heute noch die drei Schwerpunkte im pastoralen Dienst des Priesters erblicken?
Wenn es auch gewiss das Ziel ist, das Volk Gottes durch Katechese und christliche Buße um das Geheimnis der Eucharistie zu versammeln, so sind doch auch andere pastorale Mittel und Wege je nach den Umständen notwendig: Manchmal ist es eine schlichte Gegenwart über Jahre hinweg, verbunden mit einem stillen Glaubenszeugnis im nichtchristlichen Milieu, oder eine Bekanntschaft mit Personen, mit Familien und deren Anliegen; dann ein erster Anruf, der versucht, die Ungläubigen und die Lauen zum Glauben zu erwecken; auch das Zeugnis der Liebe und Gerechtigkeit zusammen mit den christlichen Laien, das den Glauben glaubwürdiger macht und ins Leben überträgt. Hieraus ergibt sich eine ganze Reihe von Arbeiten oder apostolischen Werken, welche die christliche Glaubensformung vorbereiten oder fortführen. Der Pfarrer von Ars hat alles darangesetzt, Initiativen in die Wege zu leiten, die seiner Zeit und seinen Pfarrangehörigen angemessen waren. Gleichwohl waren alle seine priesterlichen Tätigkeiten auf die Eucharistie, die Katechese und das Sakrament der Versöhnung bezogen.

Das Sakrament der Versöhnung

7. Ohne jeden Zweifel hat gerade sein unermüdlicher Dienst am Bußsakrament das hauptsächliche Charisma des Pfarrers von Ars offenbart und zu Recht seinen Ruf begründet. Es ist gut, dass ein solches Beispiel uns heute dazu drängt, dem Dienst an der Versöhnung seine volle Bedeutung zurückzugeben, die ihm zukommt, wie die Bischofssynode vom Jahre 1983 mit soviel Recht hervorgehoben hat.7 Ohne den Willen zu Bekehrung, Buße und Bitte um Vergebung, den die Hirten der Kirche unermüdlich ermutigen und bestärken müssen, würde das so ersehnte Aggiornamento oberflächlich und trügerisch bleiben.
Der Pfarrer von Ars bemühte sich zunächst darum, in den Gläubigen das Verlangen nach Reue zu wecken. Er betonte die Schönheit der Vergebung Gottes. Waren nicht sein ganzes Leben als Priester und all seine Kräfte der Bekehrung der Sünder geweiht? Nun ist es gerade im Beichtstuhl, wo sich mehr als sonst die Barmherzigkeit zeigte. Er wollte sich darum denen, die von überall her zur Beichte gekommen waren, nicht entziehen; so widmete er ihnen oft zehn Stunden am Tag, manchmal auch fünfzehn oder mehr. Das war für ihn ohne Zweifel die härteste seiner aszetischen Übungen, ein „Martyrium“; zunächst physisch in Hitze, Kälte oder drückender Enge; dann auch moralisch, denn er litt selbst unter den vorgebrachten Sünden und noch mehr unter dem Fehlen von Reue: „Ich weine über das, was euch nicht zum Weinen bringt.“ Neben solchen gleichgültigen Menschen, die er in aller Güte empfing und für die Gottes- liebe zu erwecken suchte, schenkte ihm der Herr die Gnade, reumütige große Sünder zu versöhnen und auch Seelen, die danach verlangten, zur Vollkommenheit zu führen. Hier vor allem verlangte Gott also von ihm, dass er an der Erlösung mitwirkte.
Was uns betrifft, so haben wir mehr als im letzten Jahrhundert den gemeinschaftlichen Aspekt der Buße, der Vorbereitung auf die Vergebung, der Danksagung nach der Vergebung wiederentdeckt. Aber die sakramentale Lossprechung erfordert eine persönliche Begegnung mit dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus durch die Vermittlung seines beauftragten Dieners.8 Leider kommen heute beichtwillige Gläubige nicht in großer Zahl und bereitwillig zum Beichtstuhl, wie zur Zeit des Pfarrers von Ars. Nun, gerade dort, wo sich eine große Zahl aus vielfältigen Gründen vom Bußsakrament fernhält, ist damit ein Zeichen gegeben, dass man dringend eine Gesamtpastoral des Sakramentes der Versöhnung entwickeln muss; unablässig muss man dahin wirken, dass die Christen die Erfordernisse einer ehrlichen Beziehung zu Gott wiederentdecken, ebenfalls das Bewusstsein von Sünde, bei der man sich dem göttlichen wie dem menschlichen Gegenüber verschließt, ferner die Notwendigkeit, sich zu bekehren und durch die Kirche die Vergebung als unverdientes Geschenk Gottes zu empfangen, und schließlich auch die Bedingungen, die es ermöglichen, das Sakrament gut zu feiern, indem man die hierbei bestehenden Vorurteile, falschen Ängste und die Routine hinter sich läßt.9 Eine solche Lage erfordert zugleich, dass wir uns für diesen Dienst der Vergebung voll zur Verfügung stellen, stets bereit, die notwendige Zeit und Sorgfalt dafür einzusetzen und - so möchte ich sagen - diesem Dienst die Priorität vor anderen Aktivitäten zu geben. Die Gläubigen werden so verstehen, welchen Wert wir - wie der Pfarrer von Ars - dieser Aufgabe beimessen.
Gewiss bleibt der Dienst der Versöhnung, wie ich im Apostolischen Schreiben im Anschluss an die Bischofssynode über die christliche Buße geschrieben habe,10 zweifellos der schwierigste und heikelste, der die meiste Mühe macht und die höchste Anforderung an uns stellt, vor allem wenn die Zahl der Priester gering ist. Er setzt auch beim Beichtvater hohe menschliche Qualitäten voraus, außer einem tiefen und ernsthaften geistlichen Leben; der Priester muss auch selbst dieses Sakrament regelmäßig empfangen.
Seid stets davon überzeugt, liebe Brüder im Priesteramt: Dieser Dienst der Barmherzigkeit ist eine der schönsten und trostvollsten Aufgaben. Sie ermöglicht euch, die Gewissen zu erleuchten, ihnen im Namen unseres Herrn Jesus Christus Vergebung zuzusprechen und neue Lebenskraft zu schenken und für sie geistlicher Arzt und Ratgeber zu sein; sie bleibt „für den priesterlichen Dienst unersetzliches Zeichen und steter Test“.11

Die Eucharistie: Messopfer, Kommunion, Anbetung

8. Die beiden Sakramente der Versöhnung und der Eucharistie bleiben eng miteinander verbunden. Ohne eine Bekehrung, die man ständig erneuert, und den Empfang der sakramentalen Gnade der Vergebung gelangt die Teilnahme an der Eucharistie nicht zu ihrer vollen erlösenden Wirkung.12 Christus selbst hat seine Sendung mit den Worten begonnen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“.13 Ebenso begann der Pfarrer von Ars gewöhnlich jeden Tag mit dem Dienst der Vergebung. Aber er war glücklich darüber, seine bekehrten Pönitenten vor allem auf die Eucharistie hinzuweisen.
Die Eucharistie stand ganz im Mittelpunkt seines geistlichen und seelsorglichen Lebens. Er sagte: „Alle guten Werke zusammen haben nicht den gleichen Wert wie das Messopfer; denn jene sind Menschenwerk, die heilige Messe aber ist Gottes Werk.“14 Hier wird das Opfer von Golgotha für die Erlösung der Welt gegenwärtig gesetzt. Natürlich muss der Priester mit dem Opfer der Messe seine tägliche persönliche Hingabe verbinden: „Ein Priester tut also gut daran, sich jeden morgen Gott als Opfer darzubringen!“15 „Die heilige Kommunion und das heilige Messopfer sind die zwei wirksamsten Akte, um die Umkehr der Herzen zu erlangen.“16 Ferner war die Messe für Jean-Marie Vianney die große Freude und die Kraftquelle für sein Priesterleben. Trotz des großen Andrangs von Beichtenden verwandte er große Sorgfalt darauf, sich mehr als eine Viertelstunde still auf sie vorzubereiten. Er feierte die Messe gesammelt und bekundete seine Anbetung besonders bei der Wandlung und der Kommunion. Realistisch bemerkte er: „Der Grund für das Nachlassen eines Priesters ist, dass man der Messe keine Aufmerksamkeit mehr schenkt!“17 Der Pfarrer von Ars war besonders von der bleibenden wirklichen Gegen- wart Christi in der Eucharistie ergriffen. Vor Tagesanbruch oder am Abend verbrachte er gewöhnlich lange Stunden der Anbetung vor dem Tabernakel. Dorthin wandte er sich auch oft während seiner Predigten, indem er voller Bewegung sagte: „Er ist dort!“ Aus demselben Grund zögerte er, der so arm in seinem Pfarrhaus lebte, nicht, viel für die schöne Ausgestaltung seiner Kirche auszugeben. Die bemerkenswerte Folge davon war, dass auch seine Pfarrangehörigen es sich schnell zur Gewohnheit machten, vor dem Allerheiligsten Sakrament zu beten, indem sie durch das Verhalten ihres Pfarrers die Größe dieses Glaubensgeheimnisses entdecken.
Angesichts eines solchen Zeugnisses denken wir an das, was uns das II. Vatikanische Konzil heute über die Priester sagt: „Am meisten üben sie ihr heiliges Amt in der eucharistischen Feier... aus.“18 Und erst kürzlich hat uns die außerordentliche Synode (Dezember 1985) daran erinnert: „Die Liturgie muss sehr klar den Sinn für das Heilige fördern und ihn aufleuchten lassen. Sie muss vom Geist der Ehrfurcht vor Gott, der Anbetung und seiner Verherrlichung durchdrungen sein. . . Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens.“19
Liebe Brüder im Priesteramt, das Beispiel des Pfarrers von Ars lädt uns zu einer ernsten Gewissenserforschung ein: Welchen Platz räumen wir in unserem täglichen Leben der Messe ein? Ist sie wie am Tag unserer Weihe - sie war unsere erste priesterliche Handlung! - die Kraftquelle unserer Pastoral und unserer persönlichen Heiligung? Welche Sorgfalt verwenden wir darauf, uns auf sie vorzubereiten? Sie würdig zu feiern? Vor dem Allerheiligsten Sakrament zu beten? Auch unsere Gläubigen dahin zu führen? Aus unseren Kirchen das Haus Gottes zu machen, wo die göttliche Gegenwart unsere Mitmenschen anzieht, die nur allzuoft eine Welt ohne Gott erfahren?

Predigt und Katechese

9. Der Pfarrer von Ars war ferner darauf bedacht, auch den Dienst am Wort Gottes keineswegs zu vernachlässigen, der ja absolut notwendig ist, um die Menschen auf den Glauben und die Bekehrung vorzubereiten. Er sagte: „Unser Herr, der die Wahrheit selber ist, legt nicht weniger Wert auf sein Wort als auf seinen Leib.“2O Man weiß, wie viel Zeit er vor allem am Anfang darauf verwandte, um seine Sonntagspredigten mit Mühe auszuarbeiten. In der Folge kam er dazu, sich auch spontaner auszudrücken, stets mit kraftvoller und klarer Überzeugung und mit Bildern oder Vergleichen aus dem täglichen Leben, die für seine Gläubigen sehr einprägsam waren. Seine Katechesen für die Kinder bildeten ebenfalls einen wichtigen Teil seines Dienstes. Gern gesellten sich die Erwachsenen zu den Kindern hinzu, um aus dieser einzigartigen Unterweisung, die aus dem Herzen kam, auch für sich Nutzen zu ziehen.
Er hatte den Mut, das Böse in all seinen Formen anzuprangern, ohne jemandem zu Gefallen zu sein; denn es ging hier um das ewige Heil seiner Gläubigen: „Wenn ein Seelsorger stumm bleibt, da er sieht, dass Gott gelästert und die Seelen irregeführt werden, dann Schande über ihn! Wenn er nicht sich selber verdammen will, so muss er, wenn es eine Unordnung in seiner Pfarrei gibt, die Achtung von Seiten der Menschen und die Furcht, von ihnen missverstanden oder gehasst zu werden, gering- achten.“ Diese Verantwortung beängstigte ihn als Pfarrer. Allgemein aber „zog er es vor, mehr die ansprechende Seite der Tugend als die Hässlichkeit des Lasters aufzuzeigen“. Und wenn er - zuweilen unter Tränen - auf die Sünde und die Gefahr für das Heil zu sprechen kam, so betonte er vor allem die Liebe Gottes, die beleidigt worden war, und das Glück, von Gott geliebt zu werden, mit ihm verbunden zu sein sowie in seiner Gegenwart und für ihn zu leben.
Liebe Brüder im Priesteramt! Ihr seid selbst fest überzeugt von der Wichtigkeit der Verkündigung des Evangeliums, die das II. Vatikanische Konzil an die erste Stelle unter den Aufgaben des Priesters gesetzt hat.21 Ihr sucht durch die Katechese, die Predigt und andere Formen, die auch die Medien einschließen, die Herzen unserer Zeitgenossen mit ihren Erwartungen und Unsicherheiten zu erreichen, um in ihnen den Glauben zu wecken und zu nähren. Sorgt euch wie der Pfarrer von Ars und entsprechend der Ermahnung des Konzils22 darum, das Wort Gottes selbst zu lehren, das die Menschen zur Bekehrung und zur Heiligkeit aufruft.


Die Identität des Priesters


Der spezifische Dienst des Priesters

10. Der heilige Jean-Marie Vianney gibt eine beredte Antwort auf gewisse Weisen, wie man im Lauf der letzten zwanzig Jahre die Identität des Priesters in Frage gestellt hat; es scheint übrigens, dass man inzwischen zu einer ausgeglicheneren Beurteilung gelangt.
Der Priester findet immer und unverändert die Quelle für seine Identität im Priester Christus. Es ist nicht die Welt, die nach den Bedürfnissen und Begriffen der gesellschaftlichen Rollen seine Funktion bestimmt. Der Priester ist gekennzeichnet durch das Siegel des Priestertums Christi, an dessen Sendung als einzigem Mittler und Erlöser er teilnehmen soll.
Kraft dieser grundlegenden Bindung öffnet sich dem Priester dann das weite Feld der Seelsorge für das Heil der Menschen in Christus und in der Kirche. Ein Dienst, der ganz von der Liebe zu den Seelen durchdrungen sein muss nach dem Vorbild Christi, der sein Leben für sie hingibt. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, dass keiner von diesen Kleinen verlorengeht.23 „Der Priester muss stets bereit sein, sich der Bedürfnisse der Seelen anzunehmen“, sagte der Pfarrer von Ars.24 „Er ist nicht für sich, er ist für euch da.“25
Der Priester ist für die Laien da: Er führt und stützt sie in der Ausübung des gemeinsamen Priestertums der Getauften, das vom II. Vatikanischen Konzil so sehr herausgestellt worden ist. Dieses besteht darin, ihr Leben zu einer geistigen Opfergabe zu machen, vom christlichen Geist in der Familie und in der Verwaltung der irdischen Dinge Zeugnis zu geben sowie an der Evangelisierung ihrer Brüder und Schwestern teilzunehmen. Der Dienst des Priesters ist jedoch von anderer Natur. Er ist dazu bestimmt, im Namen Christi, des Hauptes, zu handeln, um die Menschen in das durch Christus eröffnete neue Leben einzuführen, ihnen seine Geheimnisse - Wort, Vergebung, Lebensbrot - zu vermitteln, sie zu seinem Leib zu vereinen und ihnen zu helfen, sich von innen her zu bilden sowie nach dem Heilsplan Gottes zu leben und zu handeln. Kurz, unsere Identität als Priester zeigt sich in der schöpferischen Entfaltung der Liebe zu den Seelen, die uns durch Jesus Christus geschenkt worden ist.
Die Versuche, den Priester den Laien gleichzuschalten, sind schädlich für die Kirche. Das will keineswegs besagen, dass der Priester den menschlichen Anliegen der Laien fern bleiben könnte. Er muss ihnen vielmehr sehr nahe sein, wie Jean-Marie Vianney, aber als Priester, immer im Blick auf ihr Heil und den Fortschritt des Reiches Gottes. Er bezeugt und spendet ein anderes Leben als das irdische.26 Es ist wesentlich für die Kirche, dass die Identität des Priesters mit ihrer vertikalen Dimension gewahrt bleibt. Das Leben und die Persönlichkeit des Pfarrers von Ars sind dafür ein besonders leuchtendes und kraftvolles Beispiel.

Seine innere Gleichgestaltung mit Christus und seine Solidarität mit den Sündern

11. Der heilige Jean-Marie Vianney begnügt sich wahrhaftig nicht damit, seine Diensthandlungen nur rituell zu vollziehen. Er sucht sein Herz und sein Leben Christus gleich zu gestalten.
Das Gebet war die Seele seines Lebens: das stille, betrachtende Gebet, gewöhnlich in seiner Kirche, zu Füßen des Tabernakels. Durch Christus öffnete sich seine Seele den drei göttlichen Personen, denen er in seinem Testament „seine arme Seele“ anvertraut. „Er bewahrte eine ständige Verbindung mit Gott inmitten seines äußerst arbeitsreichen Lebens.“ Er vernachlässigte weder das Breviergebet noch den Rosenkranz und wandte sich spontan an die Jungfrau Maria.
Seine Armut war außergewöhnlich. Er verschenkte buchstäblich alles an die Armen. Er mied die Ehrenbezeugungen. Die Keuschheit erstrahlte hell bei ihm. Er wusste um den Preis der Reinheit, um „die Quelle der Liebe, die Gott ist, wiederzufinden“. Der Gehorsam Christus gegenüber ließ sich für Jean-Marie Vianney übersetzen mit Gehorsam gegenüber der Kirche und besonders gegen den Bischof. Er konkretisierte sich in der Annahme der schweren Last des Pfarrers, die ihn oft erschreckte.
Aber das Evangelium betont mit Nachdruck gerade die Selbstverleugnung und die Annahme des Kreuzes. Zahlreiche Kreuze begegneten dem Pfarrer von Ars im Verlauf seines Priesterdienstes: Verleumdungen der Leute, Unverständnis von Seiten eines Vikars oder von Mitbrüdern, Widerspruch und auch ein geheimnisvoller Kampf mit den höllischen Mächten, mitunter sogar die Versuchung zur Verzweiflung in geistiger Nacht.
Dennoch begnügte er sich nicht damit, diese Prüfungen ohne Klage anzunehmen. Er schritt zur Abtötung, indem er sich ein ständiges Fasten und noch ganz andere strenge Übungen auferlegte, um „seinen Körper dienstbar zu machen“, wie der heilige Paulus sagt. Doch muss man die Beweggründe für diese Bußübungen, mit denen unser Jahrhundert leider wenig vertraut ist, klar sehen: die Liebe zu Gott und die Bekehrung der Sünder. Deshalb fragt er einen entmutigten Mitbruder: „Du hast gebetet ..., du hast geseufzt, ... hast du aber auch gefastet, hast du gewacht?“27 Man begegnet hier den Worten Jesu an die Apostel: „Diese Art von Dämonen kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden.“28
Letztlich heiligte Jean-Marie Vianney sich selbst, um noch besser die anderen heiligen zu können. Gewiss, die Bekehrung bleibt das Geheimnis der Herzen, die in ihrem Wollen frei sind, und das Geheimnis der Gnade Gottes. Durch seinen Dienst kann der Priester die Personen nur erleuchten, sie im Gewissensbereich führen und ihnen die Sakramente spenden. Diese Sakramente sind ganz Handlungen Christi, deren Wirksamkeit durch die Unvollkommenheit oder die Unwürde des Spenders nicht vermindert wird. Doch hängt ihre Frucht auch von den Dispositionen des Empfängers ab, und diese werden sehr gefördert durch die persönliche Heiligkeit des Priesters, durch sein sichtbares Zeugnis wie auch durch den geheimnisvollen Austausch der Verdienste in der Gemeinschaft der Heiligen. Der heilige Paulus hat gesagt: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leib das, was an den Leiden Christi noch fehlt.“29 Jean-Marie Vianney wollte diese Gnaden der Bekehrung gleichsam nicht nur durch sein Gebet, sondern auch durch das Opfer seines ganzen Lebens von Gott erlangen. Er wollte Gott für diejenigen lieben, die ihn nicht liebten, und sogar einen großen Teil der Buße verrichten, die sie nicht taten. Er war wirklich ein solidarischer Hirte seines sündigen Volkes.
Liebe Brüder im Priesteramt, fürchtet nicht dieses ganz persönliche Engagement - gekennzeichnet von der Aszese und beseelt von der Liebe -, das Gott von uns verlangt, um unseren Priesterberuf gut auszuüben. Erinnern wir uns an die kürzlichen Überlegungen der Väter der Bischofssynode: „Uns scheint, dass Gott uns durch die heutigen Schwierigkeiten tiefer den Wert, die Bedeutung und die zentrale Stelle des Kreuzes Jesu Christi lehren will.“30 Im Priester lebt Christus neu seine Passion für die Seelen. Danken wir Gott, der uns so erlaubt, mit Herz und Leib an der Erlösung teilzunehmen.
Aus all diesen Gründen hört der heilige Jean-Marie Vianney nicht auf, stets lebendiger und aktueller Zeuge für die Wahrheit über die Berufung und den Dienst des Priesters zu sein. Man wird sich stets an die überzeugende Art erinnern, mit der er über die Größe des Priesters und seine absolute Notwendigkeit zu sprechen verstand. Die Priester, diejenigen, die sich auf das Priestertum vorbereiten, und jene, die dazu noch berufen werden, müssen ihre Augen auf sein Beispiel heften und ihm nachfolgen. Die Gläubigen ihrerseits werden durch ihn das Geheimnis des Priestertums bei ihren Priestern besser erkennen. Nein, die Gestalt des Pfarrers von Ars vergeht nicht!

Schluss: für den Gründonnerstag

12. Liebe Brüder! Mögen diese Überlegungen die Freude an eurem Priestersein und den Wunsch, es noch tiefer zu leben, in euch erneuern! Das Zeugnis des Pfarrers von Ars enthält noch viele andere Schätze, die es noch zu bedenken gilt. Wir werden ausführlicher auf diese Themen zurückkommen während meiner Pilgerreise, die ich im kommenden Oktober mit Freude unternehmen werde, da mich die französischen Bischöfe zur Feier des zweihundertsten Geburtstages von Jean-Marie Vianney nach Ars eingeladen haben.
Diese erste Betrachtung übermittle ich euch, liebe Brüder, zum Gründonnerstag. In allen unseren Diözesen kommen wir an diesem Tag der Einsetzung unseres Priestertums zusammen, um die Gnade des Weihesakramentes zu erneuern und die Liebe neu zu entfachen, die unsere Berufung kennzeichnet.
Wir hören die Worte Christi, die er an uns wie an die Apostel richtet: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt ... Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... Vielmehr habe ich euch Freunde genannt.“31
Vor ihm, der uns die Fülle seiner Liebe bezeugt hat, erneuern wir, Priester und Bischöfe, unsere priesterlichen Verpflichtungen.
Wir beten füreinander, jeder für seinen Bruder und alle für alle. Wir bitten den ewigen Vater, dass das Andenken an den Pfarrer von Ars uns helfe, unseren Eifer in seinem Dienst neu zu beleben.
Wir beten zum Heiligen Geist, dass er für die Kirche viele Priester von der Art und Heiligkeit des Pfarrers von Ars berufen möge: Sie bedarf ihrer in unserer Zeit so dringend, und sie ist auch heute nicht weniger fähig, diese Berufungen zur vollen Entfaltung zu bringen.
Wir vertrauen unser Priestertum der Jungfrau Maria an, der Mutter der Priester, zu der Jean-Marie Vianney ununterbrochen mit kindlicher Liebe und vollem Vertrauen seine Zuflucht genommen hat. Sie war für ihn ein weiterer Grund zur Dankbarkeit: „Jesus Christus“, so sagte er, „will uns, nachdem er uns schon alles geschenkt hat, was er uns schenken konnte, auch noch zu Erben dessen machen, was ihm am kostbarsten ist, nämlich seiner heiligen Mutter.“32
Meinerseits erneuere ich euch von Herzen den Ausdruck meiner brüderlichen Liebe und erteile euch zusammen mit eurem Bischof meinen Apostolischen Segen.


Aus dem Vatikan, den 16. März 1986, am fünften Fastensonntag, im achten Jahr meines Pontifikates.


Johannes Paul II.



Anmerkungen:
1 Joh 13,1.
2 Vgl. Joh 10,11.
3 Vgl. 2 Tim 1,6.
4 Vgl. Jean-Marie Vianney, cure d'Ars, sa pensée son coeur, présentés par I'Abbé Bemard Nodet, éditions Xavier Mappus, Le Puy, 1958, S. 100 (von jetzt an zitiert als: Nodet).
5 Nodet, S. 44.
6 Vgl. 1 Kor 1, 27-29.
7 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode Reconciliatio et paenitentia (2. Dezember 1984): AAS 77 (1985), S. 185-275.
8 Vgl. Johannes Paul ll., Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979), Nr. 20: AAS 71 (1979), S. 313-316.
9 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode Reconciliatio et paenitentia (2. Dezember 1984, Nr. 28: AAS 77 [1985], S. 250-252).
10 Vgl. ebenda, Nr. 29: AAS 77 (1985), S. 252-256.
11 Johannes Paul II., Brief an die Priester zum Gründonnerstag 1983, Nr. 3: AAS 75 (1983), pars I, S. 419.
12 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979), Nr. 20: AAS 71 (1979), S. 309-313.
13 Mk 1,15.
14 Nodet, S. 108.
15 Nodet, S. 107.
16 Nodet, S. 110.
17 Nodet, S. 108.
18 Dogmataische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 28.
19 II, B, b/1 und C/1; vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 11.
20 Nodet, S. 126.
21 Vgl. Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis, 4.
22 Vgl. ebenda.
23 Vgl. Mt 18,14.
24 Nodet, S. 101.
25 Nodet, S. 102.
26 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis, 3.
27 Nodet, S. 193.
28 Mt 17,21.
29 Kol 1,24.
30 Schlussbericht, D/2.
31 Joh 15,13-15.
32 Nodet, S. 252.

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Schreiben von Papst Benedikt XVI.
zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages

des "DIES NATALIS" von Johannes Maria Vianney

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,


am kommenden Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, Freitag, dem 19. Juni 2009 – dem Tag, der traditionsgemäß dem Gebet um die Heiligung der Priester gewidmet ist – möchte ich anläßlich des 150. Jahrestags des „dies natalis“ von Johannes Maria Vianney, dem Schutzheiligen aller Pfarrer der Welt[1], offiziell ein „Jahr der Priester“ ausrufen. Dieses Jahr, das dazu beitragen möchte, das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern, wird 2010 wiederum an diesem Hochfest seinen Abschluß finden. „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu“, pflegte der heilige Pfarrer von Ars zu sagen.[2] Diese bewegende Formulierung veranlaßt uns vor allem, uns innerlich angerührt und dankbar bewußt zu werden, welch unermeßliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind. Ich denke an all die Priester, die in Demut Tag für Tag den Christgläubigen und der ganzen Welt die Worte und Taten Christi nahebringen, indem sie versuchen, mit ihren Gedanken, ihrem Willen, ihren Gefühlen und ihrem gesamten Lebensstil mit ihm übereinzustimmen. Wie könnte man es versäumen, ihre apostolischen Mühen, ihren unermüdlichen und verborgenen Dienst und ihre im Grunde allumfassende Liebe zu unterstreichen? Und was soll man zu der mutigen Treue so vieler Priester sagen, die – wenn auch inmitten von Schwierigkeiten und Unverständnis – ihrer Berufung treu bleiben, „Freunde Christi“ zu sein, die von ihm in besonderer Weise gerufen, erwählt und ausgesandt sind?

Ich selbst trage noch die Erinnerung an den ersten Pfarrer im Herzen, an dessen Seite ich meinen Dienst als junger Priester ausübte: Er hinterließ mir das Beispiel einer rückhaltlosen Hingabe an seine seelsorgliche Aufgabe bis zu seinem Tod, der ihn ereilte, als er einem Schwerkranken das Sakrament der Wegzehrung brachte. Und dann kommen mir die unzähligen Mitbrüder in den Sinn, denen ich begegnet bin und immer noch begegne, auch während meiner Pastoralreisen in die verschiedenen Nationen – Mitbrüder, die großherzig in der täglichen Ausübung ihres priesterlichen Dienstes aufgehen. Aber die vom heiligen Pfarrer von Ars gebrauchte Formulierung ruft auch die Erinnerung an das durchbohrte Herz Christi und an die Dornenkrone auf seinem Haupt wach. Folglich gehen die Gedanken zu den unzähligen Situationen des Leidens, in die viele Priester hineingezogen sind, sei es weil sie Anteil nehmen an den menschlichen Erfahrungen von Schmerz in der Vielfalt seiner Ausdrucksformen, sei es weil sie bei denjenigen, denen ihr Dienst gilt, auf Unverständnis stoßen: Wie könnte man die vielen Priester vergessen, die in ihrer Würde verletzt, in ihrer Sendung behindert, manchmal sogar bis hin zum extremen Zeugnis der Hingabe des eigenen Lebens verfolgt werden?

Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewußtsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern. In diesem Zusammenhang können die Lehren und die Beispiele des heiligen Johannes Maria Vianney allen einen bedeutsamen Anhaltspunkt bieten: Der Pfarrer von Ars war äußerst demütig, doch er wußte, daß er als Priester ein unermeßliches Geschenk für seine Leute war: „Ein guter Hirte, ein Hirte nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wertvollsten Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit.“[3] Er sprach vom Priestertum, als könne er die Größe der dem Geschöpf Mensch anvertrauten Gabe und Aufgabe einfach nicht fassen: „Oh, wie groß ist der Priester! … Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben … Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein…“[4] Und als er seinen Gläubigen die Bedeutsamkeit der Sakramente erklärte, sagte er: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele [durch die Sünde] stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester … Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen.“[5] Diese Aussagen, die aus dem priesterlichen Herzen eines heiligen Priesters hervorgegangen sind, mögen übertrieben erscheinen. Doch in ihnen offenbart sich die außerordentliche Achtung, die er dem Sakrament des Priestertums entgegenbrachte. Er schien überwältigt von einem grenzenlosen Verantwortungsbewußtsein: „Wenn wir recht begreifen würden, was ein Priester auf Erden ist, würden wir sterben: nicht vor Schreck, sondern aus Liebe … Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn zu nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt … Was nützte uns ein Haus voller Gold, wenn es niemanden gäbe, der uns die Tür dazu öffnet? Der Priester besitzt den Schlüssel zu den himmlischen Schätzen: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Haushälter des lieben Gottes; der Verwalter seiner Güter  … Laßt eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten … Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, er ist es für euch.“[6]

Als er nach Ars, einem kleinen Dorf mit 230 Einwohnern, kam, war er vom Bischof bereits vorgewarnt worden, daß er eine religiös prekäre Situation vorfinden werde: „Es gibt in dieser Pfarrei nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen.“ Folglich war er sich völlig bewußt, daß er dorthin gehen mußte, um die Gegenwart Christi zu verkörpern, indem er dessen heilbringende Sanftmut bezeugte. „[Mein Gott,] gewährt mir die Bekehrung meiner Pfarrei; ich will dafür alles erleiden, was Ihr wollt, mein ganzes Leben lang!“ – mit diesem Gebet begann er seine Mission.
[7] Der Bekehrung seiner Pfarrei widmete sich der heilige Pfarrer mit all seinen Kräften und stellte die christliche Bildung des ihm anvertrauten Volkes in all seinem Denken an erste Stelle. Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, erbitten wir vom Herrn Jesus die Gnade, daß auch wir die pastorale Methode des Johannes Maria Vianney erlernen können! Was wir als erstes lernen müssen, ist die völlige Identifizierung mit der eigenen Aufgabe. In Jesus fallen Person und Sendung im Grunde zusammen: Sein gesamtes Heilshandeln war und ist Ausdruck seines „Sohn-Ich“, das von Ewigkeit her vor dem Vater steht in einer Haltung liebevoller Unterwerfung unter dessen Willen. In bescheidener und doch wahrer Analogie muß auch der Priester diese Identifizierung anstreben. Natürlich geht es nicht darum zu vergessen, daß die substanzielle Wirksamkeit des Dienstes von der Heiligkeit des Priesters unabhängig bleibt; doch man darf auch die außerordentliche Fruchtbarkeit nicht außer Acht lassen, die aus dem Zusammentreffen der objektiven Heiligkeit des Dienstes und der subjektiven des Priesters hervorgeht. Der Pfarrer von Ars begann sofort mit dieser demütigen und geduldigen Arbeit, sein Leben als Priester mit der Heiligkeit des ihm anvertrauten Dienstes in Einklang zu bringen und sagte, daß er sogar materiell in seiner Pfarrkirche „wohne“: „Kaum war er angekommen, wählte er die Kirche zu seinem Wohnsitz … Vor dem Morgenrot betrat er die Kirche und kam erst nach dem abendlichen Angelus wieder heraus. Dort mußte man ihn suchen, wenn man ihn brauchte“, heißt es in seiner ersten Biographie.[8]


Die fromme Übertreibung des ehrfurchtsvollen Hagiographen darf uns nicht veranlassen zu übersehen, daß der heilige Pfarrer auch aktiv im gesamten Gebiet seiner Pfarrei zu „wohnen“ verstand: Er besuchte systematisch die Kranken und die Familien; er organisierte Volksmissionen und Patronatsfeste; er sammelte und verwaltete Geld für seine karitativen und missionarischen Werke; er verschönerte seine Kirche und stattete sie mit Kirchengerät aus; er kümmerte sich um die Waisenmädchen der „Providence“ (einer von ihm gegründeten Einrichtung) und ihre Erzieherinnen; er kümmerte sich um die Schulausbildung der Kinder; er gründete Bruderschaften und forderte die Laien zur Zusammenarbeit mit ihm auf.


Sein Beispiel veranlaßt mich, das Feld der Zusammenarbeit zu betonen, das immer mehr auf die gläubigen Laien auszudehnen ist, mit denen die Priester das eine priesterliche Volk bilden
[9] und in deren Mitte sie leben, um kraft des Weihepriestertums „alle zur Einheit in der Liebe zu führen, 'indem sie in Bruderliebe einander herzlich zugetan sind, in Ehrerbietung einander übertreffen' (Röm 12, 10)“.[10] In diesem Zusammenhang ist an die lebhafte Aufforderung zu erinnern, mit der das Zweite Vatikanische Konzil die Priester ermutigt, „die Würde der Laien und die bestimmte Funktion, die den Laien für die Sendung der Kirche zukommt, wahrhaft [zu] erkennen und [zu] fördern … Sie sollen gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit erkennen können.“[11]

Seine Pfarreimitglieder belehrte der heilige Pfarrer vor allem mit dem Zeugnis seines Lebens. Durch sein Vorbild lernten die Gläubigen zu beten und für einen Besuch beim eucharistischen Jesus gern vor dem Tabernakel zu verharren.
[12] „Es ist nicht nötig, viel zu sprechen, um gut zu beten“, erklärte ihnen der Pfarrer. „Man weiß, daß Jesus dort ist, im heiligen Tabernakel: Öffnen wir ihm unser Herz, freuen wir uns über seine heilige Gegenwart. Das ist das beste Gebet.“[13] Und er ermunterte sie: „Kommt zur Kommunion, meine Brüder, kommt zu Jesus. Kommt, um von ihm zu leben, damit ihr mit ihm leben könnt…“[14] „Es stimmt, daß ihr dessen nicht würdig seid, aber ihr habt es nötig!“[15] Diese Erziehung der Gläubigen zur eucharistischen Gegenwart und zum Kommunionempfang wurde besonders wirkkräftig, wenn die Gläubigen ihn das heilige Meßopfer zelebrieren sahen. Wer ihm beiwohnte, sagte, daß „es nicht möglich war, eine Gestalt zu finden, welche die Anbetung besser ausgedrückt hätte … Er betrachtete die Hostie liebevoll“.[16] „Alle guten Werke zusammen wiegen das Meßopfer nicht auf, denn sie sind Werke von Menschen, während die heilige Messe Werk Gottes ist“[17], sagte er. Er war überzeugt, daß von der Messe der ganze Eifer eines Priesterlebens abhängt: „Die Ursache der Erschlaffung des Priesters liegt darin, daß er bei der Messe nicht aufmerksam ist! Mein Gott, wie ist ein Priester zu beklagen, der so zelebriert, als ob er etwas Gewöhnliches täte!“[18] Und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei der Zelebration immer auch das eigene Leben aufzuopfern: „Wie gut tut ein Priester, wenn er Gott allmorgendlich sich selbst als Opfer darbringt!“[19]

Dieses persönliche Sicheinfühlen in das Kreuzesopfer führte ihn – in einer einzigen inneren Bewegung – vom Altar zum Beichtstuhl. Die Priester dürften niemals resignieren, wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen. Zur Zeit des heiligen Pfarrers war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen, da der eisige Sturm der Revolution die religiöse Praxis auf lange Zeit erstickt hatte. Doch er versuchte auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schönheit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Gegenwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte. Auf diese Weise verstand er, einen
Kreislauf der Tugend in Gang zu setzen. Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, daß die Gläubigen begannen, es ihm nachzutun; sie begaben sich dorthin, um Jesus zu besuchen, und waren zugleich sicher, den Pfarrer anzutreffen, der bereit war zum Hören und zum Vergeben. Später war es dann die wachsende Menge der Bußfertigen aus ganz Frankreich, die ihn bis zu 16 Stunden täglich im Beichtstuhl hielt. Man sagte damals, Ars sei „das große Krankenhaus der Seelen“[20]  geworden. „Die Gnade, die er empfing [für die Bekehrung der Sünder], war so stark, daß sie ihnen nachging, ohne ihnen einen Moment der Ruhe zu lassen“, sagt der erste Biograph.[21] Der heilige Pfarrer sah das nicht anders, wenn er sagte: „Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selbst läuft dem Sünder nach und läßt ihn zu sich zurückkehren.“[22] „Dieser gute Heiland ist so von Liebe erfüllt, daß er uns überall sucht.“[23]

Wir Priester müßten alle spüren, daß jene Worte, die er Christus in den Mund legte, uns persönlich angehen: „Ich beauftrage meine Diener, den Sündern zu verkünden, daß ich immer bereit bin, sie zu empfangen, daß meine Barmherzigkeit unbegrenzt ist.“
[24] Vom heiligen Pfarrer von Ars können wir Priester nicht nur ein unerschöpfliches Vertrauen in das Bußsakrament lernen, das uns drängt, es wieder ins Zentrum unserer pastoralen Sorge zu setzen, sondern auch die Methode des „Dialogs des Heils“, der sich darin vollziehen muß. Der Pfarrer von Ars hatte gegenüber den verschiedenen Büßern eine jeweils unterschiedliche Verhaltensweise. Wer zu seinem Beichtstuhl kam, weil er von einem inneren und demütigen Bedürfnis nach der Vergebung Gottes angezogen war, fand bei ihm die Ermutigung, in den „Strom der göttlichen Barmherzigkeit“ einzutauchen, der in seiner Wucht alles mit sich fortreißt. Und wenn jemand niedergeschlagen war beim Gedanken an seine Schwäche und Unbeständigkeit und sich vor zukünftigen Rückfällen fürchtete, offenbarte der Pfarrer ihm das Geheimnis Gottes mit einem Ausspruch von rührender Schönheit: „Der liebe Gott weiß alles. Noch bevor ihr sündigt, weiß er schon, daß ihr wieder sündigen werdet, und trotzdem vergibt er euch. Wie groß ist die Liebe unseres Gottes, der so weit geht, freiwillig die Zukunft zu vergessen, nur damit er uns vergeben kann!“[25] Wer sich dagegen lau und fast gleichgültig anklagte, dem bot er durch seine eigenen Tränen die ernste und erlittene deutliche Einsicht, wie „abscheulich“ diese Haltung sei: „Ich weine, weil ihr nicht weint“[26], sagte er. „Wenn der Herr bloß nicht so gut wäre! Aber er ist so gut! Man muß ein Barbar sei, um sich einem so guten Vater gegenüber so zu verhalten!“[27] Er ließ die Reue im Herzen der Lauen aufkommen, indem er sie zwang, das im Gesicht des Beichtvaters gleichsam „verkörperte“ Leiden Gottes wegen der Sünden mit eigenen Augen zu sehen. Wer sich dagegen voll Verlangen und fähig zu einem tieferen geistlichen Leben zeigte, dem öffnete er weit die Tiefen der Liebe, indem er ihm erklärte, wie unbeschreiblich schön es ist, mit Gott vereint und in seiner Gegenwart zu leben: „Alles unter den Augen Gottes, alles mit Gott, alles, um Gott zu gefallen … Wie schön ist das!“[28] Und er lehrte sie zu beten: „Mein Gott, erweise mir die Gnade, dich so sehr wie nur möglich zu lieben.“[29]

Der Pfarrer von Ars hat in seiner Zeit das Herz und das Leben so vieler Menschen zu verwandeln vermocht, weil es ihm gelungen ist, sie die barmherzige Liebe des Herrn wahrnehmen zu lassen. Auch in unserer Zeit ist eine solche Verkündigung und ein solches Zeugnis der Wahrheit der Liebe dringend:
Deus caritas est (1 Joh 4, 8). Mit dem Wort und den Sakramenten seines Jesus wußte Johannes Maria Vianney sein Volk aufzubauen, auch wenn er, überzeugt von seiner persönlichen Unzulänglichkeit, oft schauderte, so daß er mehrmals wünschte, sich der Verantwortung des Dienstes in der Pfarrei zu entziehen, dessen er sich unwürdig fühlte. Trotzdem blieb er in vorbildlichem Gehorsam stets an seinem Posten, denn die apostolische Leidenschaft für das Heil der Seelen verzehrte ihn. Durch eine strenge Askese versuchte er, seiner Berufung völlig nachzukommen: „Das große Unglück für uns Pfarrer“, beklagte der Heilige, „besteht darin, daß die Seele abstumpft“[30], und er meinte damit ein gefährliches Sich-Gewöhnen des Hirten an den Zustand der Sünde oder der Gleichgültigkeit, in der viele seiner Schafe leben. Mit Wachen und Fasten zügelte er den Leib, um zu vermeiden, daß dieser sich seiner priesterlichen Seele widersetzte. Und er schreckte nicht davor zurück, sich selbst zu kasteien zum Wohl der ihm anvertrauten Seelen und um zur Sühne all der Sünden beizutragen, die er in der Beichte gehört hatte. Einem priesterlichen Mitbruder erklärte er: „Ich verrate Euch mein Rezept: Ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf, und den Rest tue ich an ihrer Stelle.“[31] Jenseits der konkreten Bußübungen, denen der Pfarrer von Ars sich unterzog, bleibt in jedem Fall der Kern seiner Lehre für alle gültig: die Seelen sind mit dem Blut Jesu erkauft, und der Priester kann sich nicht ihrer Rettung widmen, wenn er sich weigert, sich persönlich an dem „teuren Preis“ ihrer Erlösung zu beteiligen.

In der Welt von heute ist es ebenso nötig wie in den schwierigen Zeiten des Pfarrers von Ars, daß die Priester sich in ihrem Leben und Handeln durch
ein starkes Zeugnis für das Evangelium auszeichnen. Paul VI. hat zu Recht bemerkt: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“[32] Damit in uns nicht eine existenzielle Leere entsteht und die Wirksamkeit unseres Dienstes nicht gefährdet wird, müssen wir uns immer neu fragen: „Sind wir wirklich durchtränkt vom Wort Gottes? Ist es wirklich die Nahrung, von der wir leben, mehr als vom Brot und von den Dingen dieser Welt? Kennen wir es wirklich? Lieben wir es? Gehen wir innerlich damit um, so daß es wirklich unser Leben prägt, unser Denken formt?[33] Wie Jesus die Zwölf rief, damit sie bei ihm sein sollten (vgl. Mk 3, 14), und sie erst danach zum Predigen aussandte, so sind auch in unseren Tagen die Priester berufen, jenen „neuen Lebensstil“ anzunehmen, den Jesus, der Herr, eingeführt hat und den die Apostel sich zu eigen gemacht haben.[34]

Gerade die rückhaltlose Annahme dieses „neuen Lebensstils“ war ein Merkmal des priesterlichen Einsatzes des Pfarrers von Ars. In der Enzyklika
Sacerdotii nostri primordia, die 1959, hundert Jahre nach dem Tod von Johannes Maria Vianney, publiziert wurde, stellte Johannes XXIII. dessen asketische Wesensart unter besonderer Bezugnahme auf das Thema der „drei evangelischen Räte“ dar, die er auch für die Priester als notwendig erachtete: „Auch wenn dem Priester zur Erlangung dieser Heiligkeit des Lebens die Verwirklichung der evangelischen Räte nicht aufgrund seines klerikalen Standes auferlegt ist, bietet sie sich ihm wie allen Jüngern des Herrn doch als der normale Weg der christlichen Heiligung an.“[35] Der Pfarrer von Ars verstand es, die „evangelischen Räte“ in der seiner Situation als Priester angemessenen Weise zu leben. Seine Armut war nämlich nicht die eines Ordensmannes bzw. eines Mönches, sondern die, welche von einem Weltpriester erwartet wird: Obwohl er mit viel Geld wirtschaftete (da die wohlhabenderen Pilger nicht versäumten, sich seiner karitativen Werke anzunehmen), wußte er, daß alles seiner Kirche, seinen Armen, seinen Waisen, den Mädchen seiner „Providence[36], den am meisten notleidenden Familien zugedacht war. Darum war er „reich, um den anderen zu geben, und sehr arm für sich selbst“.[37] Er erklärte: „Mein Geheimnis ist einfach: Alles geben und nichts behalten.“[38] Wenn er mit leeren Händen dastand, sagte er zufrieden zu den Armen, die sich an ihn wendeten: „Heute bin ich arm wie ihr, bin einer von euch.“[39] So konnte er am Ende seines Lebens in aller Ruhe sagen: „Ich habe nichts mehr. Nun kann der liebe Gott mich rufen, wann er will!“[40] Auch seine Keuschheit war so, wie sie für den Dienst eines Priesters nötig ist. Man kann sagen, es war die angemessene Keuschheit dessen, der gewöhnlich die Eucharistie berühren muß und der sie gewöhnlich mit der ganzen Begeisterung seines Herzens betrachtet und sie mit derselben Begeisterung seinen Gläubigen reicht. Man sagte von ihm, „die Keuschheit strahle in seinem Blick“, und die Gläubigen bemerkten es, wenn er mit den Augen eines Verliebten zum Tabernakel schaute.[41] Auch der Gehorsam von Johannes Maria Vianney war ganz und gar verkörpert in der leidvoll errungenen inneren Einwilligung in die täglichen Anforderungen seines Amtes. Es ist bekannt, wie sehr ihn der Gedanke an seine Unzulänglichkeit für den Dienst des Pfarrers quälte und wie sehr ihn der Wunsch umtrieb, zu fliehen „um in Einsamkeit sein armes Leben zu beweinen“.[42] Nur der Gehorsam und seine Leidenschaft für die Seelen konnten ihn überzeugen, an seinem Platz zu bleiben. Sich selbst und seinen Gläubigen erklärte er: „Es gibt nicht zwei gute Arten, Gott zu dienen. Es gibt nur eine einzige: ihm so zu dienen, wie er es will.“[43] Die goldene Regel für ein Leben im Gehorsam schien ihm diese zu sein: „Nur das tun, was dem lieben Gott dargebracht werden kann.“[44]


Im Zusammenhang mit der Spiritualität, die durch die Übung der evangelischen Räte gefördert wird, möchte ich die Priester in diesem ihnen gewidmeten Jahr gern ganz besonders dazu aufrufen, den neuen Frühling zu nutzen, den der Geist in unseren Tagen in der Kirche hervorbringt, nicht zuletzt durch die kirchlichen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften. „Der Geist ist vielfältig in seinen Gaben … Er weht, wo er will. Er tut es auf unerwartete Weise, an unerwarteten Orten und in vorher nicht ausgedachten Formen … aber er zeigt uns auch, daß er auf den einen Leib hin und in der Einheit des einen Leibes wirkt.“[45]In diesem Zusammenhang gilt die Anweisung des Dekretes Presbyterorum ordinis: „Sie [die Priester] sollen die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind, und die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte und bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen.“[46]Diese Gaben, die viele zu einem höheren geistlichen Leben drängen, können nicht nur den gläubigen Laien, sondern den Priestern selbst hilfreich sein. Aus dem Miteinander von geweihten Amtsträgern und Charismen kann nämlich „ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt“ entspringen.[47]Außerdem möchte ich in Bezugnahme auf das Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis von Papst Johannes Paul II. ergänzen, daß das geweihte Amt eine radikale „Gemeinschaftsform“ hat und nur in der Gemeinschaft der Presbyter mit ihrem Bischof erfüllt werden kann.[48]Es ist nötig, daß diese im Weihesakrament begründete und in der Konzelebration ausgedrückte Gemeinschaft der Priester untereinander und mit ihrem Bischof sich in den verschiedenen konkreten Formen einer effektiven und affektiven priesterlichen Brüderlichkeit verwirklicht.[49]Nur so können die Priester die Gabe des Zölibats vollends leben und sind fähig, christliche Gemeinschaften aufblühen zu lassen, in denen sich die Wunder der ersten Verkündigung des Evangeliums wiederholen.

Das Paulusjahr, das sich seinem Ende zuneigt, richtet unsere Gedanken auch auf den Völkerapostel, in dem vor unseren Augen ein glänzendes Beispiel eines ganz und gar seinem Dienst „hingegebenen“ Priesters aufleuchtet. „Die Liebe Christi hat uns in Besitz genommen“, schreibt er, „da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“ (vgl. 2 Kor 5, 14). Und er fügt hinzu: „Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5, 15). Gibt es ein besseres Programm, das man einem Priester vorschlagen könnte, der damit beschäftigt ist, auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten?

Liebe Priester, die Feier des 150. Todestags des heiligen Johannes Maria Vianney (1859) schließt sich unmittelbar an die kaum abgeschlossenen Feiern zum 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes (1858) an. Schon 1959 hatte der selige Papst Johannes XXIII. bemerkt: „Kurz bevor der Pfarrer von Ars seine lange verdienstvolle Laufbahn beendet hatte, war in einem anderen Teil Franreichs die Unbefleckte Jungfrau einem demütigen und reinen Mädchen erschienen, um ihm eine Botschaft des Gebetes und der Buße zu übermitteln, deren enorme geistliche Resonanz seit einem Jahrhundert wohlbekannt ist. Tatsächlich war das Leben des heiligen Priesters, dessen Gedenken wir feiern, im voraus eine lebendige Darstellung der großen übernatürlichen Wahrheiten, die der Seherin von Massabielle vermittelt wurden. Er selbst hegte für die Unbefleckte Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau eine glühende Verehrung – er, der 1836 seine Pfarrei der ohne Sünde empfangenen Maria geweiht hatte und dann die dogmatische Definition von 1854 mit so viel Glauben und Freude aufnehmen sollte.“[50]Der heilige Pfarrer erinnerte seine Gläubigen immer daran, daß „Jesus Christus, nachdem er uns alles gegeben hatte, was er uns geben konnte, uns noch das Wertvollste als Erbe hinterlassen wollte, das er besitzt, nämlich seine Mutter“[51].

Der Allerseligsten Jungfrau vertraue ich dieses Jahr der Priester an und bitte sie, im Innern jedes Priesters eine großherzige Wiederbelebung jener Ideale der völligen Hingabe an Christus und an die Kirche auszulösen, die das Denken und Handeln des heiligen Pfarrers von Ars bestimmten. Mit seinem eifrigen Gebetsleben und seiner leidenschaftlichen Liebe zum gekreuzigten Jesus nährte Johannes Maria Vianney seine tägliche rückhaltlose Hingabe an Gott und an die Kirche. Möge sein Beispiel die Priester zu jenem Zeugnis der Einheit mit dem Bischof, untereinander und mit den Laien bewegen, das heute wie immer so notwendig ist. Trotz des Übels, das es in der Welt gibt, sind die Worte Christi an seine Apostel im Abendmahlssaal stets aktuell: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16, 33). Der Glaube an den göttlichen Meister gibt uns die Kraft, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen. Liebe Priester, Christus rechnet mit euch. Nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars laßt euch von ihm vereinnahmen, dann seid in der Welt von heute auch ihr Boten der Hoffnung, der Versöhnung und des Friedens!

Von Herzen erteile ich euch meinen Segen.

Aus dem Vatikan, am 16. Juni 2009



[1] Dazu hat Papst Pius XI. ihn 1929 erklärt.
[2]
Le Sacerdoce, c’est l’amour du cœur de Jésus” (in Le curé d’Ars. Sa pensée – Son cœur. Présantés par l’Abbé Bernard Nodet, éd. Xavier Mappus, Foi Vivante, 1966, S. 98). In der Folge: Nodet.
Dieser Satz ist unter der Nummer 1589 auch im Katechismus der Katholischen Kirche zitiert.

[3]
Nodet, S. 101.
[4]
Ebd., S. 97.
[5]
Ebd., S. 98–99.
[6]
Ebd., S. 98–100.
[7]
Ebd., 183.
[8]
Monnin A., Il curato d’Ars. Vita di Gian-Battista-Maria Vianney, Bd. I, ed. Marietti, Turin 1870, S. 122.
[9]
Vgl. Lumen gentium, 10.
[10]
Presbyterorum ordinis, 9.
[11]
Ebd.
[12]
„Die Beschauung [ Kontemplation] ist gläubiges Hinschauen auf Jesus. 'Ich schaue ihn an, und er schaut mich an', sagte zur Zeit seines heiligen Pfarrers ein Bauer von Ars, der vor dem Tabernakel betete“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2715).
[13]
Nodet, S. 85.
[14]
Ebd., S. 114.
[15]
Ebd., S. 119.
[16]
Monnin A., a.a.O., II, S. 430ff.
[17]
Nodet, S. 105.
[18]
Ebd.
[19]
Ebd., S. 104.
[20]
Monnin A., a.a.O., II, S. 293.
[21]
Ebd., S. 10.
[22]
Nodet, S. 128.
[23]
Ebd., S. 50.
[24]
Ebd., S. 131.
[25]
Ebd., S. 130.
[26]
Ebd., S. 27.
[27]
Ebd., S. 139.
[28]
Ebd., S. 28.
[29]
Ebd., S. 77.
[30]
Ebd., S. 102.
[31]
Ebd., S. 189.
[32]
Evangelii nuntiandi, 41.
[33]
Benedikt XVI., Homilie in der Chrisam-Messe, 9.4.2009.
[34]
Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus, 16.3.2009.
[35]
Teil I.
[36]
Diesen Namen gab er dem Haus, in dem er über 60 verlassene Mädchen aufnehmen und erziehen ließ. Um es zu erhalten, war er zum äußersten bereit: „J’ai fait tous les commerces imaginables – Ich habe dafür alle Geschäfte gemacht, die man sich nur vorstellen kann“, sagte er lachend (Nodet, S. 214).
[37]
Nodet, S. 216.
[38]
Ebd., S. 215.
[39]
Ebd., S. 216.
[40]
Ebd., S. 214.
[41]
Vgl. Ebd., S. 112.
[42]
Vgl. Ebd., S. 82-84; 102-103.
[43]
Ebd., S. 75.
[44]
Ebd., S. 76.
[45]
Benedikt XVI., Homilie zur Pfingstvigil, 3.6.2006.
[46]
Nr. 9.
[47]
Benedikt XVI., Ansprache an die Bischöfe, die der Fokolarbewegung und der Gemeinschaft „Sant’Egidio“ nahestehen, 8.2.2007.
[48]
Vgl. Nr. 17.
[49]
Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis, 74.
[50]
Enzyklika Sacerdotii nostri primordia, Teil III.
[51]
Nodet, S. 244.